Tobias & die Kirche

Tobias Rentsch glaubt nicht an den Fussballgott. Der 44-jährige Pfarrer über den VAR, Fanlieder und Teamgeist.


Matchtag gegen den FC Thun, Meisterkandidat und letztjähriger Aufsteiger der Super League. Menschen drängen rund ums Wankdorfstadion, um sich diese Partie nicht entgehen zu lassen. Auch da ist Tobias Rentsch, er hat ein Abo im C10 mit seinem Bruder Matthias und seinen Freunden David Zaugg und Andreas Emmenegger.

Rentsch kommt von der Arbeit, er ist Pfarrer in der Markuskirche und hat dort einen Strick-Gottesdienst abgehalten. Lismen und Predigt? “Ich habe erklärt, dass Gott strickt und alle dazu eingeladen sind, mitzumachen”, sagt er. Dieses Bild lässt sich auch mit Fussball verbinden: Ein Spieler strickt vor, spielt einen Pass und der Mitspieler weiss, wie es weitergeht. “Die gemeinsame Taktik als Strickmuster sozusagen”, sagt Rentsch.

Stossgebete an den Fussballgott?

Viele Fans glauben an einen Fussballgott, eine Art Schicksalsmacht, die einem hilft. Man wünscht sich diesen Fussballgott auf seiner Seite, damit die Bälle auf die richtige Seite fallen, Pässe ankommen und man deshalb eher Meister werden kann. Tobias Rentsch glaubt nicht an ihn. “Gott ist immer auf der Seite der Underdogs. Wenn es mit dem Fussballgott so funktionieren würde, würden wir immer gegen alle kleineren Teams verlieren”, sagt der 44-Jährige.

Religion gehört für ihn fest zum Leben und er hat eine lockere Auffassung des Pfarrertums: Beispielsweise hat er das Kirchgemeindehaus als Indoor-Spielplatz umfunktioniert oder führt auf der Terrasse den Event “Grill & Beer” durch, bei dem man über Gott und die Welt reden kann. Überhaupt hätten Religion und das Fussball-Fantum viel gemeinsam, sagt er: “Der Capo ist mit dem Pfarrer vergleichbar, der sagt, ob man sitzt oder steht. Er wählt die Lieder aus, wann man singt, und er führt durch die Veranstaltung.” Auch ein Fan-Umzug könne mit einer Prozession verglichen werden und Fahnen seien ebenfalls religiös aufgeladen.

Zurück zum Sport: Rentsch hat das Fitnessboxen entdeckt, fünf Mal die Woche trifft man ihn beim Boxclub Bern an. Doch selber spielte er auch Fussball, bei den Senioren des FC Breitenrains. Heute ist er dort Mitglied. Die Partien auf dem Spitz machen ihm viel Freude, vor allem weil es dort keinen VAR gebe. “Ich bin VAR-Gegner erster Stunde”, sagt er. Das Fussballspiel sei so einfach, rund um den Globus funktioniere es auf dem Pausenplatz oder auch in grossen Stadien genau gleich. “Mit dem VAR wird das Spiel zerstückelt und der Schiedsrichterentscheide werden mehr thematisiert”, so Rentsch.

Zweikampfstarke Thuner

Die Partie im Wankdorf ist längst angepfiffen, 30 Minuten spielt der BSC Young Boys souverän, dann übernimmt der FC Thun und beweist seine Motivation fürs Meisterrennen. Selbst als ein Tor aberkannt wird, bleiben sie motiviert und hart in den Zweikämpfen. Tobias Rentsch beobachtet genau, was auf dem Feld passiert. Fehler werden mit links und rechts kommentiert, Spielzüge analysiert. Einzig gesungen wird wenig. “Ich singe mehr in der Kirche als im Stadion.” Das liege auch am Sitzplatz, praktisch im ganzen Sektor C werden die Fanlieder weniger nachgesungen.

Dass Tobias Rentsch überhaupt an die YB-Spiele geht, liegt am Vater und seinem älteren Bruder. Die Familie habe auch viele Partien am Radio mit der Stimme von Beni Thurnheer verfolgt. Sein allererster Match im alten Wankdorfstation war gegen Xamax, an zwei Dinge erinnert er sich: YB siegte 2:0. Und ein Zuschauer habe einem Schiedsrichter zugerufen: “Chouf dir mitm Lohn ä Wurscht, du Schluuch.”

Politik in der Pause

Eine weitere Erinnerung hat er an einen längst vergangenen GC-Match, als in der Pause das Resultat der EWR-Abstimmung durchgegeben wurde. “Alle haben geklatscht. Ich auch, aber ich wusste nicht genau, wofür.” Danach folgten unzählige YB-Matchs dazu, mit UBS-Karte gings gratis ins alte Wankdorf, die Neufeld-Zeiten hat er miterlebt, hat hier im Wankdorf drei Mal den Platz gewechselt, sich bei Finalissimas genervt, den Meistertitel erlebt und an praktisch jedem Heimspiel wohnt er bei. Die Ferienplanung wird, wenn irgendwie möglich, so gelegt, dass keine Spieltage betroffen sind. “Und geheiratet wird im Juni und nur in ungeraden Jahren, wenn die Saison vorbei ist und keine WMs laufen”, sagt Tobias Rentsch und lacht. 

Zu lachen gibts unten auf dem Kunstrasen wenig: Die Thuner sind aufsässig, YB nachlässig. Schlussendlich liegt der Ball mehrere Male hinter Marvin Keller im Tor. Nur zwei Zähler sind regulär, in der 50. von Matoshi und in der 80 von Reichmuth. Die Serie der Ungeschlagenheit der Thuner geht also weiter, die Saison von YB läuft eher enttäuschend weiter. “Dass wir dieses Jahr wohl nicht Meister werden, finde ich gar nicht so schlimm”, bilanziert Tobias Rentsch. Er habe es vor dem lang erwarteten Meistertitel sehr gemocht, ein Jäger in der Liga zu sein. Und Zustände wie in Deutschland mit Bayern München, dem ewigen Meister, das wolle doch niemand.

*Das Porträt erschien zuerst im YB-MAG.

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