Von Journalisten und Polizisten

«Warum sind diese Männer alle grün angezogen, Mama?» fragt der kleine, blonde Junge. Wir sitzen im Intercity von Thun nach Zürich und eine Gruppe Rekruten ist zugestiegen, alle im grünen Tarnanzug mit grünen Taschen und einem Gewehr über der Schulter. «Weil sie im Militär sind», erklärt seine Mutter. «Also, ich will nicht ins Militär. Ich werde Polizist», sagt der Kleine ernst zu seinen Eltern und auch wir Mitreisenden hören zu. Lautstark referiert der Dreikäsehoch über seine berufliche Zukunft. Seine Mutter erklärt ihm, dass er wohl in die Rekrutenschule gehen müsse, wie alle Männer. Die Stimme des Jungen wird weinerlich: «Ich will nie ins Militär.» «Aber wenn du Polizist werden willst, dann musst du zuerst einen anderen Beruf lernen. Sonst kannst du nicht Polizist werden.» Das ist dem Kleinen zu kompliziert und er beharrt quengelnd auf seiner Ich-werde-Polizist-Aussage.

Die Zielstrebigkeit des Jungen ist beeindruckend. Bei mir war das nicht so. Auf die Frage nach ihrem Traumberuf hätte Klein-Claudia geantwortet: «Floristin, weil Blumen so duften. Oder Gärtnerin, weil man immer dreckige Hände haben darf. Oder Bäuerin, weil man dann immer frische Karotten aus dem Boden ziehen kann. Oder Goldschmiedin, weil Schmuck schön ist. Oder Clown, weil man immer lachen darf. Oder Sekretärin, weil das Geschäftstelefon von meinem Papa ununterbrochen läutet». Das bin ich dann als erstes geworden, dann Disponentin, danach Spanischstudentin in Südamerika, SAP-Kursleiterin, Asienreisende, Prozessverantwortliche. All diese Etappen bin ich durchlaufen, bis ich mich für einen Studiengang entschieden habe. Mit 24 Jahren wusste ich: Ich kommuniziere gerne und fing genau das an zu studieren.

Auch die Überzeugung des Buben ist absolut bewundernswert. Nicht immer während des Studiums behält man diese bei. Hat man erstmal eine Richtung eingeschlagen, spielen viele Faktoren mit, ob man das Studium durchziehen wird. Nicht zuletzt können sich die persönlichen Interessen während dem jahrelangen Studium in eine andere Richtung entwickeln. Ich habe Glück und interessiere mich auch im 7. Semester noch für Kommunikation. Das Studium angefangen haben mit mir rund 150 Komilitoinnen und im Oktober haben 99 ihr Diplom in Empfang genommen. Viele werden sich fragen: Wie weiter? Die Entscheidung, was wir werden, ist glücklicherweise nicht in Stein gemeisselt. Die Welt dreht sich weiter und der Mensch verändert sich. Heute bin ich Kommunikationsstudentin und arbeite als Journalistin. Wer weiss, ob ich nicht in ein paar Jahren, Polizistin bin? >>> Zum Podcast

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