Sarajevo & die Aussicht

Quelle: Claudia Salzmann

Die bosnisch-herzegowinische Hauptstadt Sarajevo strotzt 20 Jahre nach den Wirren des Bosnien-Kriegs vor Lebensfreude. Symbol für die neue Zuversicht ist ein 172 Meter hoher Turm.

Sarajevo? Der Name der Stadt hatte lange Zeit einen schalen Beigeschmack. So kam der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand hier 1914 bei einem Attentat ums Leben, was den Ersten Weltkrieg auslöste. Und als in Sarajevo 1992 die Unabhängigkeit des Staates Bosnien und Herzegowina erklärt wurde, führte dies zum Bosnien-Krieg. Dabei kamen 11000 Menschen ums Leben, darunter 1500 Kinder.

Zwar sind die Schrecken des Krieges unvergessen, wer aber die bosnisch-herzegowinische Hauptstadt heute besucht, erlebt eine lebensfreudige Metropole, die sich in den letzten Jahren ein modernes, optimistisches Gesicht gegeben hat. Nicht von ungefähr wurde Sarajevo vom Individualreiseführer «Lonely Planet» 2010 als eine der Top-Ten-Städte weltweit bezeichnet.

Wo sich heute der Twist Tower in den Himmel schraubt, neben dem Bahnhof, stand lange Jahre die Ruine eines im Bosnien-Krieg bis auf die Fundamente zerstörten Hochhauses, und diese sorgte bei Einheimischen wie Besuchern für beklemmende Gefühle. Der neue Turm wurde nach dreijähriger Bauzeit 2009 fertiggestellt. Heute ist er mit 172 Metern der höchste im ganzen Balkan. Er beherbergt den Zeitungsverlag Avaz, ein Café im 35.Stock und eine Aussichtsplattform. Der Ausblick auf die Stadt und die umliegenden Berge (siehe Kasten unten rechts) ist atemberaubend. Unterhalb des Turms leuchtet zwischen grauen Bauten und roten Dächern ein gelbes Gebäude – das Hotel Holiday Inn, ein geschichtsträchtiger Ort: Es war im Krieg das letzte noch offene Hotel, in dem die noch in der Stadt verbliebenen Journalisten einquartiert waren.

Gegenüber befinden sich zwei bedeutende Museen, das Nationalmuseum und das Historische Museum. Den Eingang des Historischen Museums könnte man verpassen, verlassen und baufällig, wie er aussieht. Einen Besuch ist es wert, auch wenn die Ausstellung schwere Kost ist: eine Retrospektive auf den Krieg. Neben dem Gebäude steht das Tito Café, benannt nach dem ehemaligen Präsidenten Jugoslawiens. Es ist ein beliebtes Familienausflugsziel an der Sniper Alley (siehe Kasten unten links), wo Kinder auf Kriegsrelikten herumturnen, als wären es Rutschbahnen, während die Eltern im Café plaudern.

Rauch vom Grill

Der Twist Tower steht ausserhalb des Stadtzentrums. Lässt man den Blick nach links schweifen, so sieht man weit hinten Stari Grad, die Altstadt Sarajevos. Die älteste Strassenbahn Europas bringt einen dahin, sie ist seit 1885 in Betrieb und läuft etwas holprig. Am besten, man fährt bis ins türkische Quartier Baš?aršija, wo Artefakte aus Messing und orientalische Souvenirs in den Schaufenstern glitzern und sich Restaurants aneinanderreihen. Die Luft ist rauchig, der Grillgeruch omnipräsent. Ein gastronomisches Muss ist das Burek, eine Art Strudel, gefüllt mit Hackfleisch, Schafskäse oder Spinat. Oder ?evap?i?i, gegrillte Hackfleischröllchen, die im Taschenbrot mit Zwiebeln serviert werden. Wer kein Fleisch mag, kauft sich an der Strassenecke gegrillte Maiskolben oder gebratene Marroni.

Fast wähnt man sich in Istanbul, mit den orientalischen Läden, den Moscheen und den modischen, verschleierten Frauen. Beginnt der Muezzin zu rufen, ist der Eindruck perfekt. Dies ist denn auch etwas Bemerkenswertes an Sarajevo, wo der Osten auf den Westen trifft. Innerhalb desselben Quartiers findet man Kirchen, Moscheen und Synagogen.

Sarajevos Bewohner üben verschiedene Religionen aus und kommen aus verschiedenen Kulturen: Bosniaken, Serben und Kroaten. Zur Einwohnerzahl und Demografie liegen laut dem Amt für Tourismus keine offiziellen Zahlen vor, weil die letzte Volkszählung 1991 und somit vor dem Krieg stattgefunden hat. Fakt sei, dass sich die Bevölkerung in den letzten 20 Jahren stark verändert habe.

Rauch von Zigaretten

Nicht nur die Bevölkerungszusammensetzung, auch die Wirtschaft hat sich verändert. Vor dem Krieg war Sarajevo ein Handels- und Industriezentrum, doch danach gab es keine funktionierenden Industriebetriebe mehr. Heute findet man wieder Unternehmen in Sarajevo, darunter Sarajevska pivara. Die Brauerei befindet sich wenige Fussminuten vom türkischen Quartier entfernt. Hier werden spezielle Sorten von Pivo ausgeschenkt, die nicht in Flaschen abgefüllt werden.

Im dazugehörenden Restaurant mit Galerie herrscht ein heimelig-gemütliches Ambiente, und auf jedem Stock befinden sich eine Bar und flinke Kellner. Fremd kommt dem westeuropäischen Gast vor, dass (noch) geraucht wird, wie fast überall in der Stadt. In der Brauerei passt dies jedoch zur bierseligen Stimmung. Das Essen wird in grossen Portionen serviert. Die Gerichte werden nach italienischen Vorbildern zubereitet, doch sporadisch findet man auf der Speisekarte lokale Leckerbissen, wie beispielsweise die Nachspeise Baklava, ein zuckersüsses, klebriges Vergnügen.

Wer die Kalorien wieder loswerden will, verliert sich auf einem Spaziergang im Quartier und in der daran angrenzenden Fussgängerzone. Verlängert man den Spaziergang ein wenig, kommt man zurück zum Twist Tower, der wegen der herrlichen Aussicht auf das städtische Lichtermeer auch abends ein lohnenswertes Ziel ist.

Erschienen in der Berner Zeitung.

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