
Urs Frieden verfolgt seit über 60 Jahren nicht nur die YB-Spiele, sondern hat auch ein Fanlokal gegründet und für wichtige Werte gekämpft.
Um seinen Hals baumelt der Schal des Fanlokals “Halbzeit”. Urs Frieden passiert die historische Uhr vor dem Wankdorfstadion exakt eine Stunde vor Anpfiff, nichts wie rein. Denn er muss noch die Aufstellung studieren. Sektor D1, Reihe 11, Platz 5 gehört ihm. Eigentlich gehört ihm noch der ganze Sektor, denn er ist komplett alleine hier. “Einmal habe ich mich in die falsche Reihe gesetzt. Weil sich die Leute an mir orientieren, sassen dann ein Dutzend Leute am falschen Platz.”
Wie er sind auch die Ultras unten im Sektor D bereits anwesend. “Spannende Aufstellung, Marvin Keller spielt, aber auch die Nummer drei Dario Marzino wärmt sich ein”, murmelt Urs Frieden. Daraus schliesst er, dass David von Ballmoos noch nicht ganz fit ist. “Und logisch bringen sie Anel Husic, er ist Lausanner.” Heute empfängt der BSC Young Boys Lausanne Sport.
Hanf im Wankdorf
Namen für Namen kommentiert der 68-jährige Journalist die Startelf. Seit er sechs Jahre alt ist, ist er YB-Fan. Sein Vater schleppte ihn sogar zu den Trainings mit, an den ersten YB-Match aber kann er sich nicht erinnern, dafür an den allerersten Fussballmatch: Den Cupfinal 1962 zwischen Lausanne und Bellinzona. “4:0 stand es nach der Verlängerung.” Erinnerungen ans alte Stadion hat er sehr wohl, beispielsweise an die zunehmende Verlotterung. “Da wuchsen Pflanzen und sogar eine Hanfstaude zwischen den Betonritzen heraus. Und Vögel nisteten in den Lautsprecherboxen.”

Über die Lautsprecher hören wir heute den verstorbenen Berner Troubadour Mani Matter “Willhelm Tell” singen. Ein Lied aus Friedens Generation. Sofort stimmt er vergnügt mit ins Lied des Berner ein: “Si hei der Wilhälm Täll ufgfüehrt im Löie Nottiswil.” Eine grosse Aufführung hat auch sein Verein diese Woche hinter sich: In Istanbul gewann YB gegen Galatasaray und zog in die Champions League ein. “Ich konnte nach dem Spiel vor Aufregung nicht einschlafen, das ist mir noch nie passiert”, sagt Frieden.
Cornerfahnen, Fanlokal
Dabei hat er in seiner Karriere als Fan einiges erlebt. Beispielsweise hat er das Fanlokal “Halbzeit” mitgegründet, der Schal kommt also nicht von ungefähr. Die Kampagne “Gemeinsam gegen Rassismus” ist ebenfalls dank und mit ihm entstanden. Für den Einsatz der Cornerfahnen in Queer-Farben, die heute in den Ecken fix installiert sind, haben er und seine Leute 1996 gekämpft. Heute gibt es die regenbogenfarbigen Fahnen sogar im Fanshop zu kaufen.

Die Werte, welche die Young Boys vertreten, sind unter anderem Anti-Rassismus, Anti-Sexismus und Anti-Diskriminierung. Diese betont der YB-Miteigentümer Christoph Spycher vor jedem Spiel in einer Videobotschaft. “Diese Werte sind die DNA unseres Klubs. Dafür haben wir gekämpft”, sagt Urs Frieden.
Bier nur in Meisternächten
Früher reiste er auch an Auswärtsspielen mit. Heute ist er nur noch bei jedem Spiel im Wankdorf anwesend. Public Viewings und Extrazüge sind nicht sein Ding, und das obwohl er im Vorstand der Fanarbeit sitzt. “Mir gefällt es nicht so in der Masse, ich mag den gewohnten Rahmen besser.” Was bei ihm dazukommt, ist, dass er keinen Alkohol trinkt. Er mag Bier einfach nicht, sagt er. Ausnahmen macht er nur, wenn YB Meister wird. “Deshalb bin ich zum regelmässigen Trinker geworden”, scherzt er und spielt damit auf die sechs Schweizermeistertitel in sieben Jahren an.

Wir sind kurz vor Anpfiff, die Reihen rings um Frieden haben sich langsam gefüllt. “Hier sitzen vor allem Halbzeit-Mitglieder, die nicht mehr in der Kurve tanzen möchten.“ Dann blickt er aufs Handy: GC hat gegen Yverdon Sport verloren, Aufsteiger FC Sion schafft ein Unentschieden gegen den FC Basel. Frieden wohnt teilweise in Basel bei seiner Freundin, die Gesprächsthemen dürften also spannend sein.
Drei Mal auf der Ersatzbank
Von 12 bis 20 Jahren spielte Urs Frieden in den Juniorenteams von YB. Drei Mal nahm der Mittelfeldspieler auf der Ersatzbank Platz, wurde aber nicht eingewechselt. “Ich bin an der fehlenden Juniorenförderung gescheitert”, ist er sich sicher. Mit dieser Meinung ist er nicht alleine: Einmal pro Monat trifft sich heute die damalige zweite Mannschaft, die 1972 Schweizermeister Inter B wurde, im Stadionrestaurant Eleven. Allen ging es damals gleich: Niemand hat es zum Profi geschafft.

Statt Fussballprofi wurde Urs Frieden mit 21 Jahren bereits Vater. Auch sein Sohn Micha Zbinden, der heute das Newsportal Nau führt, ist ein YB-Anhänger. Derweil hat die Kurve ihren Gesang aufgenommen. Urs Frieden tippt auf ein 3:1, sein Kollege neben ihm auf ein 2:1. Beide sollten nicht recht bekommen: YB schafft lediglich ein 1:1, zeitweise dominierte Lausanne die Berner, die eine rote Karte hinnehmen mussten. Aber Urs Frieden meint: “Wir haben schlimme Zeiten miterlebt. Die paar Niederlagen und Unentschieden bringen uns nicht aus dem Konzept.”
* Das Porträt erschien zuerst im YB-MAG.