
Der ehemalige Schwinger Christian Stucki hat nach seiner Profikarriere mehr Zeit für YB. Und für seine Familie. Ein Besuch im Sektor A.
In Reih und Glied sitzt die Familie Stucki auf ihren Plätzen im Sektor A5. Cecile spielt mit Sohn Elia (8) auf dem Handy einen Online-Jass. Daneben sitzen Xavier (11) und sein Vater Christian Stucki, beide mit dem gleichen Schalk im Gesicht. Das Spiel hat noch nicht angefangen, also bleibt Zeit für Statistiken und Platzobservationen. Unten auf dem Feld wärmen sich die Spieler ein. “Ich tippe auf ein 3:0”, sagt Vater Stucki.
Wie der heute 39-Jährige YB-Fan wurde, kann er gar nicht sagen. Seine Eltern waren keine Fussballfans, aber “als Bärner Giel fiebert man irgendwann mit”, sagt der Seeländer. Er spielte als Stürmer beim FC Diessbach.

Ein Foto aus diesen Tagen zeigt, dass er schon damals auffällig viel grösser war als andere. Er überragte alle Buben um anderthalb Köpfe. Längst hat er die Aktivkarriere im Fussballverein beendet und ist heute passiv bei den YB-Spielen dabei. “Der erste Match im Wankdorf war nicht mal eine Partie von YB, sondern ein Champions-League-Spiel vom FC Thun gegen FC Malmö”, erinnert er sich.
Verlieren lernt man
Zurück ins Wankdorf der Gegenwart: YB spielt gegen den FC Lugano nicht wie erhofft. “Es ist verhalten, antriebslos und wohl nicht das beste Spiel, das wir je gesehen haben.” Aber er als Ex-Schwinger weiss, wie es ist, wenn Sportler unter Druck sind. Es sei schwierig, die Erwartungen zu erfüllen und der Gejagte zu sein, der sich wieder bestätigen müsse. “Doch mit einer Niederlage lernt man viel mehr über sich als bei einem Sieg, du wirst auf dich selbst zurückgeworfen”, sagt Stucki Chrigu, wie ihn die Schwinger-Schweiz nennt. Kein Sportler – auch er früher nicht – verliere gern, aber mit der Zeit lerne man das.

Der Meistertitel liess diese Saison auf sich warten, auch gegen den FC Lugano sollte der sechste Titel in sieben Jahren noch nicht sicher sein. Die Gefühle seien nicht mehr so gross wie 2018, erzählt Chrigu Stucki einige Tage später, während er am Herd steht und im Kichererbsen-Curry rührt. Im Hintergrund lärmen die Buben, er reagiert gar nicht darauf. Auch er sei ein Lausbube gewesen, aber alles hätte sich im normalen Rahmen abgespielt. “Ich habe keine Briefkästen gesprengt, sondern einfach nur Streiche gespielt.” Und das glaubt man sofort.
Mit Wehen im Wankdorf
Je länger die Saison dauert, desto länger werden auch die Verletztenlisten. Dies kennt auch Chrigu Stucki nur zu gut. Letzten Sommer gab er seinen Rücktritt bekannt. Nach Schulterverletzungen und einem Bandscheibenvorfall sei ihm die Entscheidung leicht gefallen. “Mit Verletzungen muss man immer rechnen. Und eine vermeintliche Lappalie kann sich in die Länge ziehen, das ist extrem schwierig”, so Stucki. Bei Mannschaftssport sei das vielleicht noch schwieriger, weil man seinen Kollegen nur zuschauen kann und nichts tun kann.

Seine Frau Cecile hatte in solchen Verletzungsphasen eine wichtige Rolle: “Sie hat viel zugehört, und auch einigen Kollegen habe ich ein Ohr abgekaut. Aber dafür sind ja die Engsten da”, so Stucki. Seine Frau wuchs übrigens in einer fussballaffinen Familie auf, mit drei Brüdern und ihr Vater spielte selber. “Das ist natürlich toll, eine Frau zu haben, die das Spiel versteht und mit ins Wankdorf will.”
Ihre Liebesgeschichte fing aber nicht im Stadion, sondern an einem Winterfest in Erlach an. “Ich wusste sofort, diese Frau will ich heiraten. Für sie hingegen war das nicht ganz so klar”, sagt er und muss lachen. Drei Jahre sollte es dauern, bis sie zusammen fanden. Heute sind die beiden verheiratet und wohnen mit den Söhnen in Lyss. Eine Anekdote muss Stucki aber noch loswerden: “Als Cecile mit Elia schwanger war, sass sie mit Wehen im Wankdorf. Es dauerte aber noch einen halben Tag, bis er schliesslich zur Welt kam.”
Fahnenflucht für Pokalübergabe
Die Familie Stucki besucht jedes Heimspiel. Wenn erst spät abends gespielt wird, bleiben die Jungs daheim, weil es für sie zu spät wäre, um am nächsten Tag zur Schule zu gehen. Auch gibt es für Chrigu und Cecile Stucki Ausnahmen, wenn Termine an wie das Organisieren des Erlachfestivals anstehen. “Aber falls ich fahnenflüchtig werde und doch nach Bern komme, um bei der Pokalübergabe dabei zu sein, würde das Cecile als Erste verstehen.”

Den letzten Auftritt seiner Schwingerkarriere hatte Stucki Chrigu letzten Sommer beim Seeländischen Schwingfest in Lyss. “Tritt man bei einem einem Eidgenössischen zurück, kann es immer sein, dass man zur Randnotiz wird. Oder das Gegenteil, und dem Sieger die Schau stiehlt. Das wollte ich auch nicht.” Stucki hat seine Entscheidung nie bereut und geniesst die Zeit mit der Familie. Bei drei Abendtrainings, die wegfallen, sei er öfters daheim und habe Zeit für die Söhne. “Und ich versuche, Cecile viel beim Haushalten zu helfen.” Wie genau jetzt, beim Kochen des Kichererbsen-Currys.
* Das Porträt erschien zuerst im YB-MAG.