MCW & die Plattenteller

Sitzt der YB-Fan Manuel C. Widmer nicht auf seinem Platz, steht er hinter Plattentellern, am liebsten an Meisterfeiern. 

Auf dem Grund des Egelsees liegt ein Töffli. Marke: Issimo. Farbe: Rostbraun. Vielleicht ist es entfernt worden, denn es liegt schon lange da. Es war das Gefährt von Manuel C. Widmer. Bevor es sein Ende im Wasser fand, war es Widmers treuer Wegbereiter ins Gymnasium Muristalden und quer durch die Stadt. Eine Mofafahrt war für den YB-Fan besonders wichtig, diejenige nach Neuenburg 1986, als YB auf der Maladière Meister wurde. Geblieben ist ihm die Nacht in der Ausnüchterungszelle. «Die Polizei hat meinen Fahrstil nicht so geradlinig eingestuft wie ich.»

Das erzählt er beim Treffen im Café Pyrénées am Kornhausplatz, wir sitzen bei Schweinsragout, Suppe und Würstli. Es ist eine historische Woche: Zwei neue Bundesräte wurden gewählt, die Schweizer Nationalmannschaft ist aus dem WM-Turnier in Katar geflogen. «Ich finde es gut, dass die Nati nun die WM auch boykottiert», witzelt Widmer. Er selber schätzt die fussballfreie Zeit im Winter. Dann steht Sänger Marc Cuco Dietrich am Tisch, der den legendären YB-Boogie gesungen hat. Schnell wird das Gespräch nach der Begrüssung politisch. 

Auch Fussball ist politisch. Seit 14 Jahren setzt sich Widmer im Stadtrat für neue Trainingsplätze ein. Noch mal ein Jahrzehnt länger ist er YB-Anhänger. Andere bekommen das Fantum vom Elternhaus mit, nicht so Widmer. Widmer startete seine Liaison als Verkäufer: Das bekannte Flusco verschaffte ihm kostenlosen Zugang zum alten Wankdorfstadion. «Vom süssen Getränk kommt wohl auch mein Diabetes», scherzt der 54-Jährige. Der Schokodrink hat unter den älteren Fans Kultstatus, dabei ist es einfach Schokoladenpulver, das mit Wasser angemischt wurde. 

Die Liaison zwischen Manuel C. Widmer und YB wurde später zu einer «On-Off»-Beziehung. Und zwar nicht wegen fehlenden Punkten und einem tiefen Tabellenplatz, sondern wegen Widmers Agenda. Während der Ausbildung gab es zu viel zu büffeln. «Heute nehme ich mir die Zeit für jedes Heimspiel.» Dabei häufen sich seine Termine noch immer: Bis Ende Jahr war er Präsident des Stadtrats, er sitzt für die Grüne Freie Liste im Grossrat und legt unter dem Namen Plattenleger mcw auf. In seiner CD-Sammlung ist wohl jedes YB-Fanlied vertreten, das es je gegeben hat. Meist spielt er Rücken an Rücken mit DJ McFlury, aber manchmal kommt es zu spontanen Einsätzen: «An einer YB-Weihnachtsfeier im Bierhübeli hat Hakan Yakin aufgelegt. Und meine CDs so durcheinander gebracht, dass ich zwei Stunden aufräumen musste.»

Widmer blickt auf eine kurze Aktivkarriere als Fussballer beim FC Stadtrat zurück. «Ich war natürlich im Tor. Wegen meines Formats», sagt Widmer und lacht laut. Tatsächlich könnte ihm die Postur geholfen haben, denn er ist gross und breit gebaut. Seine Lieblingsposition sei aber schon die des Zuschauers und auf den Rängen tut er es den anderen 20’000 Expertinnen und Experten nach, die es besser wissen als Trainer Raphael Wicky. «Ich würde nie pfeifen. Bei mir sind es optische Signale, mit denen ich das Spiel kommentiere. Ein ausrutschender Finger vielleicht.» Neben ihm nehmen jeweils seine Partnerin Su Elsener und Martin Flury Platz.

Er unterstützte YB in den kürzlichen Meisterjahren, aber auch als sie ganz tief unten waren. «Das jahrelange Leiden vermisse ich ein wenig. Diese Warterei auf den Meistertitel gehörte zu unserer Identität dazu», gibt er freimütig zu. Noch wenn dieses Leiden zeitweise brutal gewesen war: Einmal wartete Widmer auf dem Bundesplatz, einmal auf dem Quartierplatz auf seinen Einsatz als DJ. Beide Male verloren die Gelb-Schwarzen die Finalissimas. «Geweint habe ich eigentlich nie, aber ich spürte eine riesige Leere in mir.»

Vor den YB-Fans konnte er dann doch noch auflegen: An beiden Meisterfeiern im Wankdorfstadion 2018 und 2019. Viel von diesen Einsätzen wisse er nicht mehr: Denn seine Beine versagten ihm fast den Dienst, als er die Bühne betrat. «Ich war so euphorisch, dass ich mich kaum erinnern kann.» Gespannt wartet er auf die Rückrunde, die Ende Januar wieder losgeht. «Unser Team ist keine Ansammlung von Talenten, sondern hat einen guten Zusammenhalt.» Nicht nur deswegen hegt er grosse Hoffnungen, dass er im Frühling wieder an einem gelb-schwarzen Fest auflegen wird.

* Das Porträt erschien im YBMAG.

Hinterlasse einen Kommentar