Thömu & sein Eseli

Seit 20 Jahren fotografiert Thomas Hodel im Wankdorf sein Team. Auch auf seiner Veloreise kann er es nicht lassen, das eine oder andere Stadion zu besuchen. 

Aus dem Archiv: Thomas Hodel sitzt momentan nicht im Wankdorf, sondern im Velosattel.

Kräftig drückt Thomas Hodel auf die Pedale. Der Staub der Strasse wirbelt auf, Steinchen fliegen davon. Die Fotodrohne ist im Gepäck verstaut, denn er ist gedanklich nicht hier auf dem Velo. Sondern mit Kopf und Ohr im Wankdorf bei YB. Hodel hört sich auf den Strassen Uskbekistans via Fanradio RGS die Partie gegen Servette an. Tausende Kilometer trennen ihn von Bern, wo drei Tore für YB fallen. 

Der Meisterfotograf macht eine Auszeit. Wilde Jahre mit Meistertiteln, Finalissimas und Champions League hat er als YB-Fotograf hinter sich. Seinen Traumjob hat er 2011 bekommen, aus einem traurigen Grund: Der Klub musste vom langjährigen YB-Fotograf Kuki Abschied nehmen. 

Thomas Hodel sitzt, seit er 14 Jahre alt ist, am Spielfeldrand. Alles begann mit der Fanpage ybforever.ch, auf der er heute 15’000 Bilder aus über 600 Partien zeigt. Nächstes Jahr feiert der Berner sein 20. Jubiläum. 

Erinnerungen an «Wuschus» erstes Jahr

Sein Fotoequipment, das normalerweise 20 Kilogramm wiegt, musste er für die Veloreise auf ein Minimum reduzieren. Lediglich mit Handy und einer Drohne schiesst er wahnsinnig-innige Bilder, die er auf der Foto-App Instagram veröffentlicht. 7500 Kilometer hat er auf seinem «Eseli» – wie er das gelbe Zweirad liebevoll nennt – zurückgelegt. 

Auf einem der Lieblingsbilder posiert Hodel vor dem Stadion in Istanbul. «Hier hat YB gegen Fenerbahçe gespielt, es kamen so viele Erinnerungen hoch.» Das ist zwar schon 12 Jahre her, doch er weiss es noch genau: Es war das erste Jahr von Christoph «Wuschu» Spychers als Spieler. 

Wichtiger als eine Kirche

Wenn er den Menschen auf seiner Reise erzählt, dass er mit dem Velo aus der Schweiz hergefahren ist, öffnet sich so manche fest verschlossenen Türe. «Andere Touristen gehen auf Reisen Kirchen anschauen. Ich schaue mir Stadien an.» 

Im Vordergrund stehe immer das Velofahren. «Ich wäre nie einen Tag länger geblieben, nur um einen Match anzuschauen.» Aber wenn es passte, setzte er sich zu den Einheimischen hin. Fussball sei ein gutes Thema, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Eines ist ihm in Sarajewo aufgefallen: Gegen Ende des Monats seien viel mehr Fans im Stadion. «Viele müssen auf den Lohn warten, um sich das 5-Euro-Spiel leisten zu können.» 

Die Young Boys kennt von Istanbul bis Kasachstan jeder, sagt Hodel. Mit einem guten Grund: Sportwetten. Immer wieder passierte Thomas Hodel Städte, in denen YB-Spieler spielen oder gespielt haben: Venedig, wohin YB-Stürmer Jean-Pierre Nsame zu Venezia ausgeliehen wurde. Oder Istanbul, wo Florent Haderjonaj bei Kasimpasa unter Vertrag ist. Oder Kayserispor, die Station des Stürmers Wilfried Kanga, bevor er nach Bern kam. 

Hunde, Hitze und Holperer

Bis kurz vor Zentralasien lief alles rund. In Kirgistan verschlechterten sich die Strassen. Der Fahrstil der anderen Verkehrsteilnehmer wurde gefährlicher. «Ich hatte an einem Tag so viele brenzlige Situationen wie vorher in vier Monaten.» Dazu kamen aggressive Hunde und permanente Hitze. Und das Essen, das ihm Magenprobleme bescherte: «Ich war eine Woche im Bett.» 

Nach vier Wochen in Kasachstan und Kirgistan – die er dennoch nicht bereut -, brach er sein Unterfangen ab. «Mein Ziel war nicht mehr erreichbar, weil die Grenzen in Russland und China geschlossen waren.» Jetzt radelt er durch Europas Norden. Beim Zeitpunkt dieses Gesprächs verweilte er gerade in Stockholm. Wann er denn in Wankdorf heimkomme? «Zur Rückrunde bin ich wieder da, aber den Winter verbringe ich auf meinem Eseli.»

Hinterlasse einen Kommentar