Für Baldy Minder, Manager der Stadionsong-Rapper, bedeutet das Lied die Welt. Zu Gast im Wankdorf City, wo seine Matchtage starten.

Wenn die ersten Töne des Einlaufsongs von Wurzel 5 ertönen, müssen alle aufstehen. Alle, die in der gleichen Reihe wie Baldy Minder sitzen, weil er immer knapp vor dem Spiel im Wankdorf ankommt. «Ich freue mich jedes Mal, den Song zu hören und die Choreo der Kurve zu sehen», sagt der 45-Jährige. Aus dem Lautsprecher dröhnen E-Gitarren-Riffs, der Wurzel-5-Frontmann Serej stimmt mit «Mini Stadt, sit Jahr u Tag» sanft ein.
Es ist, als hätten Minders Schützlinge – die Berner Band Wurzel 5 – musikalisch zum Meistertitel beigetragen. Just zum Rückrundenstart der Saison 2017/2018 wechselte YB den Stadionsong, drei Monate später fingen die Meisterjahre an. «Nicht alle waren begeistert darüber, weil es ein Rapsong ist. Aber heute singen auch die älteren Semester mit», sagt Baldy Minder. Das Lied «Hie» wurde im Jahr 2006 veröffentlicht. Auch wenn es so klingt, als wäre es fürs Wankdorf geschrieben worden, sei es einfach ein Liebeslied an Bern. Mit dem gewohnten Lokalkolorit der «Wurzle» – wie Berner die Band nennen. «Unglaublich, dass es zwölf Jahre später den Durchbruch schafft.»
Noch heute gibt es Tränen
Baldy Minder erinnert sich an diese Anfänge in seinem Büro – nur einige hundert Meter vom Wankdorfstadion entfernt – in der Wankdorf City. Im YB-Forum 1898.ch lancierten Fans die Idee, das Wurzel-5-Lied einzuspielen. Das Prozedere habe Monate gedauert, erzählt Minder. Und dann steigen ihm plötzlich Tränen in die Augen. Genau wie damals, als er es erfahren hat. Auch damals sass er hier im Büro und weinte vor Glück. «Das war für mich der grösste YB-Moment meines Lebens, weil es die Verbindung zwischen meinen beiden Herzensangelegenheiten ist.»
Grosse Momente häuften sich in den letzten Jahren: Besonders am Cupfinal im Sommer 2020 lagen Minders Nerven blank. «Wir sind ein bisschen abergläubisch, reden zum Beispiel nicht gross über Spieler der gegnerischen Mannschaft, weil wir glauben, sie so stärker zu reden», sagt er. Er ist überzeugt, dass sie mit Gedanken viele magische Momente beeinflusst haben. Er, sein Sohn und seine besten Freunde nennen es den «Mythos». Dieser hat beim Cupsieg zugeschlagen. «Unsere Gedanken haben YB zum Sieg verholfen», sagt Baldy Minder augenzwinkernd.
Filmrisse sind vorbei

Der amtierende Meister beeinflusst sein Leben bis in die letzte Sekunde. Auch sein Trinkverhalten, denn seit fast drei Jahren trinkt er keinen Alkohol mehr. Während der 20 Jahre im Musikbusiness, von denen die vielen Artist-Bändel an der Wand zeugen, habe er nach den Konzerten volllaufen lassen. «Das letzte Mal, als ich mich betrank, war mit Weisswein am Xamax-Spiel. Als die Kultband Mani Porno auf dem Rückweg im Extrazug spielte, fing der Filmriss schon an. Das Ganze endete fatal.»
Am nächsten Morgen beschloss er – noch im Bett liegend – aufzuhören. Sein Alkohol-Konsum sei eine Belastung fürs Umfeld gewesen. Und er wollte verhindern, dass er seinen unterdessen erwachsenen Kindern im Ausgang betrunken über den Weg gelaufen wäre. Das wäre peinlich für alle Beteiligten gewesen. So sei ihm das Aufhören nicht schwer gefallen. «Ich bin heute nur noch selten bis am Morgen im Ausgang, weil es weniger aushalte, von Betrunkenen zugetextet zu werden.»
Drei Stunden warten auf den YB-Moment

Dass wegen der Coronakrise die letzten Titel nicht richtig gefeiert werden konnten, reut ihn sehr. Das Virus habe vieles relativiert, alles sei so selbstverständlich gewesen. Heute feiert er einfach jeden Moment. Die vier Meistertitel und der Cup-Pokal haben ihn versöhnlich gestimmt. «Ich merke, dass ich auch den FCB nicht mehr so hasse.» Diese Gefühle haben aber Grenzen: Falls dieses Jahr der Titel nicht in Bern bleiben sollte, so ist Baldy Minder froh, dass der «Chübu» wohl auch nicht nach Basel geht.
Beim Groundhopping durch Europa und letzthin öfters auch in Bern hat er seine Kamera geschultert und dokumentiert YB-Momente. Beispielsweise nach dem gewonnenen Cupfinal wartete er vor dem Wankdorf. Als die Fans von der Allmend her kamen, sei ein supertolles Feeling gewesen. «Ich bin nicht in der Kurve, aber ich lasse mir es nicht nehmen, für solche Momente zwei, drei Stunden vor dem Stadion zu warten. Ich sauge alles auf, was ich kann.» Mit 2000 Leuten den historischen Moment zu teilen, sei dann unglaublich schön. Doch: «Den nächsten Titel will ich richtig feiern.» Den Soundtrack dazu kennt er in- und auswendig.
*Dieses Porträt erschien zuerst im YB-Mag.