Marco & der Wankdorf-Motor

Die ersten Erfahrungen im alten Wankdorf machte Marco Rupp als Flusco-Verkäufer, beim neuen Wankdorf hatte er sogar seine Hände mit im Spiel. 

Marco Rupp hat einen der kürzesten Wege ins Stadion: Gerade 400 Meter trennen sein Haus im Ittiger Kirschenacker und das Wankdorf. «Zum YB-Fan wurde ich zwei Mal in meinem Leben», sagt der heute 66-Jährige. Als Bub nahm ihn der Vater mit ins alte Wankdorf. Dort wurde er Flusco-Verkäufer, diesen Posten ergatterte er sich, weil er im Turnverein war. Dieser war es denn auch, dem er zeitweise mehr Aufmerksamkeit widmete als dem Fussball. «Ausschlaggebend für meine Fanpause war ein Match gegen GC, als YB 0:8 verlor. Das hat mir abgelöscht», sagt Rupp. Diametral andere Gefühle hat er am heutigen Tag des Matchbesuchs im Wankdorf: Es ist der erste halbwegs normale Match seit Ausbruch der Pandemie. Und Rupp ist aufgeregt, das Champions-League-Quali-Spiel gegen dem Slovan Bratislava live vor Ort zu erleben und nicht daheim am TV.  

Ein zweites Mal zum Fan wurde er, als seine Söhne zur Welt kamen, und Rupps als Familie die Partien besuchten. Öfters gingen sie erst in den letzten Spielminuten hin, weil man gratis rein durfte. Während der ältere Sohn Till als Mittelfeldspieler beim FC Breitenrain aktiv spielt, lag dem jüngeren Julian Fussball weniger. «Als wir einmal im Neufeld beim Spiel waren, fragte er noch vor Anpfiff, wann das Spiel endlich fertig sei», erinnert sich der Vater. Die Mutter Ursula hatte in der Pause Erbarmen und ging mit Julian nach Hause.

Bis heute angefressen bleibt Till, der mit seinem Vater sogar an internationale Spiele besuchte, beispielsweise das Europa-League-Spiel in Liverpool oder einen Nati-Match an der Weltmeisterschaft in Hannover. Seit die Söhne erwachsen sind, geht Marco Rupp mit seiner Frau Ursula alleine ins Stadion im Sektor B. Dort sind die Rollen klar verteilt: «Meine Frau singt, ich fluche», sagt er. Am meisten nerven ihn überhastete Pässe. Fürs heutige Spiel gegen Bratislava hat er grosse Hoffnungen und tippt ein 3:0. 

Keine Arena, keine Glaskuppel

Dass heute das Stadion Wankdorf so aussieht, daran ist er nicht unbeteiligt. Er arbeitete beim kantonalen Raumplanungsamt, bevor er Partner in einer privaten Raumplanungsfirma wurde. Er begleitete den Architektur-Wettbewerb des Wankdorfs, bei dem Projekte aus Amerika, Spanien und der Schweiz eingingen. Die Projekte hiessen: Mondiale, Cupfinal, Ola, Sommervogel, Steilpass, September, Seite an Seite, Hattrick, Wankdorf Mitte oder Neues Wankdorf Stadion. Wäre damals genug Geld vorhanden gewesen, so wäre heute eine internationale Hotelkette beim Stadion angesiedelt. Und unterhalb des Quartierplatzes stünde ein Multiplexkino. 

Auf ebendiesem Platz stehen Marco und Ursula 45 Minuten vor dem Anpfiff gegen Bratislava. Marco Rupp erscheint im YB-Trikot und Schal. Ursula Rupp hat sich für den langersehnten Match in farblich-passende Hosen geworfen und am Rücken baumelt ein Meister-Sekli. Marco Rupp erzählt weiter: «Die Amerikaner reichten ein Projekt mit einer grossen Glaskuppel ein, die Spanier stellten sich eine Arena vor. Die Schwierigkeit war einen Kompromiss zwischen dem Stadion und dem Einkaufen zu finden», sagt er. Er stand der Jury vor, die schlussendlich das Projekt «Wankdorf Mitte» auswählten und von der Berner Baufirma Marazzi bauen liessen. Politisch sei das Wankdorf eine grosse Erfolgsgeschichte: Wer nach Zürich blickt, weiss, was er meint. Dort versuchen die Zürcher seit Jahren fürs Letzigrund einen Neubau zu realisieren, doch immer wieder kommen bürokratische Hürden dazwischen. 

Der Motor Wankdorf-Stadion

Das Wankdorf war der erste Entwicklungsschritt des ganzen Wankdorf-Areals. «Das Stadion war der Motor von allem», sagt Rupp retrospektiv. Die Feusi erkannte die Lage, CSL Behring baute ihren Standort hier, die Armee folgte, die Expohallen wurden erneuert. Marco Rupp half zudem bei der Entwicklung des gesamten Wankdorf-Gebiets mit, diskutierte mit den SBB, damit der Bahnhof Wankdorf gebaut wurde. «Sie sperrten sich lange, weil dort 500 Züge täglich verkehren und es kompliziert war. Aber bei Fussballstadien sei der ÖV extrem wichtig.» 

Beim Anstehen läufts heute dank dem vor dem Match abgeholten GGG-Bändeli rund. Zum Znacht wird es für Rupps eine YB-Wurst geben. Den Appetit verliert Marco Rupp fast, wenn er an den Cupfinal gegen Sion 2009 denkt. «Wir alle wussten, das ist eine klare Sache. Dann verloren wir 2:3 gegen die Walliser. Das hat unserer Familie den Ferienstart am nächsten Tag total vermiest», sagt er. 

Vier Meistertitel später

Seither sind vier Meistertitel und ein Cupsieg auf das Konto von YB gekommen. Spieler und Trainer sind gekommen und gegangen. Dem neuen Trainer David Wagner will Marco Rupp eine Chance geben. «Gerardo Seoane und Adi Hütter haben wir ja auch nicht gekannt.» Und sie haben ihre Chance bekanntlich genutzt und sich in die Geschichtsbücher gecoachet. Wird der fünfte Pokal des Fussballschweizermeisters in Folge mit Wagner kommen? «Klar reicht das!», ist Marco Rupp überzeugt. 

Mittlerweile sind wir bei den Sitzplätzen im Sektor B9 angekommen. Die Sonnenstrahlen tauchen den voll besuchten Sektor D in gelbes Licht und vergoldet die Rückkehr der Fans ins Stadion. Alle ziehen ihre Schals aus, singen als hätte es keine anderthalb Jahre lange Wankdorfpause gegeben. Die Hühnerhaut ist da, die Tränen stehen manchem Anhänger in den Augen. Zur Pause steht es 2:0 für die Gelb-Schwarzen. David von Ballmoos hält einen Penalty, was Kenner Marco Rupp vorausgesehen hat. Sein Tipp stimmt sogar fast, aber auch so ist es ein Fussballabend fürs hoffentlich nächste Meisterbuch. 

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