Aare & die Beizen

Diesen Sommer locken noch mehr Beizen und Bars ans Aareufer. Ich bin einen ganzen Tag dem schönen grünen Fluss gefolgt. 

Idyllisch liegt in Belp das Jägerheim zwischen der Giesse und der Aare. Gleich dahinter befindet sich ein kleiner Campingplatz, die wenigen Parkplätze hinter dem Lokal werden rege genutzt. Durch ein mit Efeu umranktes Fenster blickt der Besucher auf eine voll besetzte Terrasse. In diesem sonnenarmen Frühling dieses Jahres müssen der Beizer Willy Brönnimann und sein Team an sonnigen Tagen keine Angst vor Langeweile haben. Die Gäste speisen unter Kastanienbäumen.

Der Garten ist erweitert worden, so haben die Kellner ein Ass im Ärmel und setzen Gäste ohne Reservationen vor den ehemaligen Stall. Dort gibt es zwar weniger Schatten, doch unter dem Dach und vor dem rostroten Backsteinmauer des Bauernhauses speist man im ganz eigenen Charme. Hier bekommt man auch die Arbeit der Küche mit. Hinter dem Haus steht das Becken mit den Forellen, die im nahegelegenen Rubigen gezüchtet werden. Jemand hat mit dem Rüsten der Erdbeeren angefangen und wurde wohl mitten in der Büez gestört, noch sind nicht alle verarbeitet, aber das Dessert liegt noch in weiter Ferne. 

Nicht nur sorgen die Gäste für Betrieb, die Gespräche werden ab und an von einer Propellermaschine des benachbarten Flughafens Bern-Belp. Da nur noch wenige Flieger von hier abheben, ist das nicht einmal störend, sondern weckt Fernweh. Dieses lässt sich mit einem Curry, Eglifilet menière, einem Cordon bleu oder Forelle blau stillen. Die 13-köpfigen Equipe ist international, alle reden auch Berndeutsch. Ihr Reich ist das Buffet, gleich fünf Mann stehen dahinter, füllen Apérol-Spritz in atemberaubender Geschwindigkeit in Gläser, reichen die fertigen Gerichte nach vorne. «Wir sind immer so schnell», sagt einer der Kellner und grinst hinter der Maske, dass sich seine Lachfältchen um die Augen zeigen. 

Entschleunigt in die Wellen stechen

Eine Spazierstunde vom Jägerheim flussabwärts liegt das Fähribeizli, das von Tobias Burkhalter, der in der Stadt Bern drei weitere Gastro-Lokale innehat, geführt wird. Bei unserem Besuch waren viele Familien vor Ort, doch auch Zeitungsleser, Hündeler und Kaffeetanten waren zu sehen. Das Haus ist ein moderner Bau, nebenan liegt ein Häuschen, in das man gleich einziehen möchte. Doch es ist bereits besetzt, hier gehen die Fährimänner ein und aus. Immer, wenn eine Fähre anlegt, erreicht eine Menschentraube das Lokal und den Spazierweg, der ins Muribad führt. 

Bei naturtrübem Bier und sonnenverwöhntem Weisswein aus dem Seeland lässt sich die Arbeit der Fähreleute beobachten. Die anderen Gäste tun es uns nach. Die Aare ist hier so nahe und dennoch hört man sie nur, wenn das Boot in die Wellen sticht. Wenn man auf die anderen Tische blickt, so sind Glacés und Coupes hoch im Kurs. Uns ist nach Tatar, das fein gewürzt ist und mit dem ganzen Tamtam geliefert wird, das wir uns wünschen. Dem Gaumen fehlt es an nichts und auch für die Ohren nicht, denn das Pfeifkonzert der Vögel wirkt wunderbar entschleunigend. 

Entrecote aus der Dampfloki

Nach einer weiteren Stunde zu Fuss passieren wir das Eichholz und treten auf Stadtberner Boden. Keine zwei Meter von der Aare entfernt liegt das Restaurant Dampfzentrale, das von Gastro-Königin Taberna geführt wird. Dahinter stecken Stefan Ruprecht und Mike Hersberger, die weiter flussabwärts das Marzilibrüggli und oben in der Stadt drei weitere Lokale innehaben. In der «Dampfere», wie Berner das Lokal auch nennen, steppt der Bär, sobald die Sonne scheint. Die Mischung der Theaterleute, die im Innern der Dampfzentrale die Bühne nutzen, und der Terrassengäste ist spannend. Wer der Pilgerung der Badenden zuschauen möchte, setzt sich am besten möglichst nahe der Aare hin. 

Flussaufwärts haben die Beizer eine stilvolle Bar hingebaut, hierher werden Gäste verwiesen, die nur Durst haben. Doch auf den Barstühlen lässt es sich natürlich hervorragend observieren. Während in vielen Aarebeizen Fleisch omnipräsent auf den Menüs vertreten ist, läuft in der Dampfzentrale die vegane russische Roulade Golubtsi sehr gut. Fleischliebhaber bestellen Haxen, Short Rips oder gar ganze Entrecote aus dem Smoker, der wie eine gut befeuerte Dampflokomotive läuft. Senkt sich die Sonne hinter dem Backsteinhaus, so taucht das Lokal in ein zirkusähnliches Ambiente. Während der Pilgerstrom an Badenden stetig abnimmt, hört man die Aare besser. Und wer genau hinhört, könnte sogar die Kieselsteinchen am Flussgrund rollen hören. Oder waren es doch die Eiswürfel im Glas?  

Wiesenrestaurant am Stadtende

Wer vom Marzili der Aare entlang ins Zehendermätteli spaziert, bekommt mindestens Durst haben. Besser man leiht sich ein Publibike aus, denn die Strecke ist lange. An drei Seiten ist das Lokal auf seiner Peninsula von der Aare umgeben. Und man muss sagen: Hier geht es um ganz viel mehr als nur um ein Restaurant. Seit die neuen Betreiber Simon und Anna Tauber da sind, herrscht Aufbruchstimmung.

Die Burgergemeinde Bern, der das Gelände und das alte Bauernhaus gehört, baut um. Die Felder werden neu nach Permakultur bewirtschaftet. Mit der Küche sind Benjamin Jann und Kiran Jamwal betraut. Sie werden – sobald die Felder bestellt und der Kräutergarten lebt – die angebauten Produkte auf den Teller ins Rampenlicht rücken. Auf Herbst sollte die Baustelle beendet, das Restaurant neu gebaut, die Küche fertig und die Wohnung bezugsbereit sein. 

Bis dahin kochen Jann und Jamwal in einer Feldküche, welche das Gastroteam von ihrem vorherigen Projekt mitgenommen haben. «Zehendi im Glück» heisst ihr Vorhaben hier am Ende der Stadt. Aareböötler dürften ebenfalls merken, dass hier neue Macher vor Ort sind: Am Strändchen träumen Taubers von einer kleinen Bar. Überhaupt wäre es schade, gar nicht aus dem Boot zu steigen. Denn zu entdecken gibt es einiges: Ein Lustgarten, ein Zirkuszelt für Hochzeiten, einen Spielplatz und ein Wiesenrestaurant.

Sobald der Bundesrat nämlich die Terrassen wieder zugelassen hat, möblierte die Zehendi-Crew das Feld vor dem Haus. Zwischen den Tischen stolziert der Gockel Pesche mit seiner Gefolgschaft hindurch. Immer in der Hoffnung, dass auf den Tellern einige Krümel übrig bleiben. Die Gäste aber schätzen das Essen aus der Zehendi-Küche dermassen, dass Pesche und seine Hühner nur selten etwas abgekommen.

Hinterlasse einen Kommentar