Ehemalige Angestellte erheben Vorwürfe gegen den Casino-Direktor Ivo Adam. Was ist im Vorzeigebau der Berner Burgergemeinde los?

Mit Pauken und Trompeten wurde das Casino im September 2019 eröffnet. Für Bern ziemlich pompös: Gleich vier Spitzenköche mischten mit. Nur eineinhalb Jahre später reibt sich die Berner Gastroszene die Augen: Es kam jüngst zu Entlassungen und Kündigungen, und es gab arge Misstöne. Es brodelt im Vorzeigebau der Berner Burgergemeinde – jetzt werden auch Vorwürfe gegen Ivo Adam laut.
Seit Ende 2020 ist eine Taskforce, in der Casino-Direktor Ivo Adam und Casino-Präsident Hans Traffelet Einsitz haben, damit betraut, das Casino zu reorganisieren. Sie hat alle Konzepte durchleuchtet und dort angesetzt, wo das grösste Sparpotenzial liegt. Vor zwei Wochen hat die Casino-Leitung 15 Kündigungen ausgesprochen, wie die BZ publik machte. Im Viertelstundentakt sind Mitarbeitende ins geschlossene Haus am Casinoplatz aufgeboten worden, wie Betroffene berichten. «Allen war klar, was da geschehen wird», sagt Dave Wälti, Küchenchef der Bistrobar, dem ebenfalls gekündigt wurde.
Wie bereits bekannt ist, wurde auch das Geschäftsleitungsmitglied Lea Périat freigestellt. Dies mit der Begründung, die Casino-Leitung und sie hätten nicht mehr die gleichen Werte und es gebe zu grosse Diskrepanzen, was Leadership anbelange, sagte Périat in einem früheren Artikel. Die jüngsten Massnahmen der Chefetage haben offenbar zu einer schlechten Stimmung bei den Angestellten geführt, sodass drei von ihnen sich entschieden haben, das Haus zu verlassen: So kündigten letzte Woche der Leiter des Facility-Managements, eine Mitarbeiterin aus dem Event-Bereich und der Souschef der Hauptküche. Allesamt aus Schlüsselpositionen.
Dave Wältis Team wurde restlos gestrichen. «Ich habe von meiner Kündigung zwei Wochen vorher über Drittpersonen in der Stadt erfahren. Das ist unprofessionell und respektlos», sagt er. Offenbar hatte ein Konkurrenzbetrieb von der bevorstehenden Kündigung seines Stellvertreters erfahren und diesem ein Angebot unterbreitet, obwohl er noch gar nichts von seiner Kündigung gewusst hatte.
Offenbar gab es schon vor der Reorganisation Probleme, wie ein ehemaliges Kadermitglied sagt, das im letzten Sommer das Casino verlassen hat. Der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erhebt nun Vorwürfe gegen den Führungsstil von Ivo Adam: «Adam holte mich ins Boot, um mich schon nach wenigen Monaten aufs Abstellgleis zu stellen. Er sagte, dass er mich nicht mehr auf dieser Stelle und schon gar nicht in dieser Lohnklasse halten könne.»
Der Mann wirft Ivo Adam zudem fehlende Führungsfähigkeiten vor. «Er ist kein Geschäftsführer und bei weitem kein Direktor. Er ist oft gar nicht da. Niemand weiss, wo er ist. Man kann nichts mit ihm planen. Vereinbarte Meetings lässt er ohne Erklärung platzen», sagt er. Das bestätigen zwei weitere Informanten. «Mit ihm eine Flasche Wein zu trinken, ist super. Aber mit ihm arbeiten, das kann man nicht», sagt eine andere Mitarbeiterin.
Ivo Adam erklärt sich die Kritik wie folgt: «Betroffene verarbeiten eine Kündigung unterschiedlich, manche mit Wut oder Enttäuschung, andere stellen meine Person infrage.» Ihm sei wichtig, dass es keine Verunsicherung bei den verbleibenden Mitarbeitenden gebe. Deshalb habe man mit jedem Einzelnen ein Gespräch gehabt. «Zusätzlich werden weitere Mitarbeitende von sich aus das Casino verlassen, weil die neuen Herausforderungen nicht ihren Vorstellungen entsprechen», sagt Adam.
Auf seine Abwesenheit angesprochen, sagt Adam: «Ich habe innerhalb des Betriebs verschiedene Aufgaben, und nicht zuletzt bin ich auch Familienvater. Wer sagt, dass ich nach zwölf Stunden Anwesenheit im Casino zu wenig vor Ort gewesen sei, der liegt falsch.» Ausserdem erwarte er von seinen Mitarbeitenden, dass sie ihn mit solchen Problemen direkt konfrontierten.
Indiskretionen aus der Taskforce?
Generell lasse er sich nicht von emotionalen Reaktionen von aussen beeinflussen. Wichtig sei ihm, dass er den Rückhalt seines Arbeitgebers – der Burgergemeinde Bern – spüre. «Es ist richtig, dass im Rahmen einer Konzeptanpassung nach der Startphase auch der Direktor hinterfragt wird. Das gehört zu einer professionellen Analyse dazu. Wenn ich meine Leistungen nicht erbringe, wird das logischerweise Konsequenzen haben.» Trotz allem könne er sich am Morgen im Spiegel in die Augen schauen, und er würde alle Entscheidungen wieder gleich treffen, auch wenn sie emotional belastend seien.
Zum unschönen Abgang des ambitionierten Bistrobar-Chefs Dave Wälti sagen Adam und Casino-Präsident Hans Traffelet, der die Taskforce präsidiert, dass es immer ihr Anspruch gewesen sei, transparent zu kommunizieren. Dem Anschein nach dürfte ein Mitglied der Taskforce, das über die Kündigungen unterrichtet war, diese ausgeplaudert haben. «Wenn das wirklich so ist, ist es nicht richtig», sagt Hans Traffelet. Und Ivo Adam: «Ich bereue Daves Abgang zutiefst. Unser internes Angebot hat er leider ausgeschlagen, dort hätte er auch eine Plattform und Freiheiten bekommen.»
Ivo Adam befürchtet nicht, dass das Casino aus dieser Reorganisation einen Reputationsschaden davonträgt. «Wir haben ja niemanden ausgenutzt oder schlecht bezahlt. Wir haben ein reines Gewissen.» Es sei nichts als normal, dass nach Kündigungen Gerüchte in die Welt gesetzt würden. «Vom Hörensagen lernt man lügen. Insbesondere ist die Gastrobranche wie ein Dorf.»
Die Entscheidungen seien durch die Taskforce gefällt worden und deshalb breit abgestützt. Das Haus kennt Traffelet bestens, denn er führte es von 1991 bis 1999 mit seiner Frau. Im Anschluss wechselte er auf den Gurten, wo er noch heute als Geschäftsführer angestellt ist. «In meinen 30 Jahren als Beizer habe ich noch kein Restaurant gesehen, das anderthalb Jahre nach Eröffnung noch gleich aufgestellt ist wie am Anfang. Es müssen immer in gewissen Bereichen Anpassungen vorgenommen werden», sagt Traffelet. Jetzt sei man für die Zukunft aufgestellt und werde nicht nächstes Jahr noch einmal das Konzept ändern müssen.
Reklamationen zu wenig beachtet?
Nicht nur intern sorgt das Casino für Gesprächsstoff, sondern auch bei den Gästen: ein Chaos im Reservationssystem, lange Wartezeiten, überbuchte Tische, um nur drei Kritikpunkte zu nennen. Dies führte zu vielen roten Köpfen. «In der ersten Phase ist uns untergegangen, uns darum zu kümmern», sagt Hans Traffelet. Auch bei einem Team von routinierten Serviceangestellten zeige sich immer wieder, wie lange es dauere, bis ein Betrieb reibungslos laufe. Weil alles so nahe am Gast passiere, habe das zu vielen Reklamationen geführt. «Wir können das nicht schönreden. Die Lösung des Problems wurde letztes Jahr angepackt. Im zweiten Halbjahr 2020 sind uns nur wenige Beanstandungen zu Ohren gekommen.»
Casino-Präsident Hans Traffelet betont, dass sein Vertrauen in Ivo Adam ungetrübt sei. «Natürlich ist er tragbar. Wir würden nicht mit jemandem eine solche Konzeptanpassung in Angriff nehmen, wäre er nicht unser Mann», sagt er. Laut Insidern hat Traffelet nicht nur als Casino-Präsident ein gesteigertes Interesse daran, dass das Haus erfolgreich ist. Er rechne sich grosse Chancen aus, dereinst in die Fussstapfen von Bernhard Ludwig zu treten und Präsident der Bernburger zu werden. Spricht man ihn auf sein angebliches Fernziel an, lacht Traffelet laut heraus. «Bis ich Präsident würde, wäre ich 80 Jahre alt.»
Neues Projekt in den Startlöchern
Köche sind freigestellt, Abgänge im Eventbereich, der Wein-Sommelier fehlt. So viel Wissen ist durch die Reorganisation abhandengekommen. Wie blickt Direktor Ivo Adam der Wiedereröffnung nach dem Lockdown entgegen? «Ich bin in der aktuellen Krisensituation positiv, wir sind jetzt gut aufgestellt. Und unsere Mitarbeitenden sind motiviert, ihre neuen Aufgaben wahrzunehmen», sagt er.
Apropos neue Aufgaben: Das Casino hat die Ausschreibung fürs ehemalige Frohsinn in der Münstergasse gewonnen. Dort soll aber nicht ein Ableger des Casinos entstehen, sondern ein «Tresen-Konzept» und ein Laden. Zum Gebäude, das die Burgergemeinde als Liegenschaftsbesitzerin saniert, gehört auch der nun geschlossene Waffenladen in der Kramgasse. Im Laden werde es Produkte rund um die Küche geben: Produkte aus burgerlichen Pachtbetrieben, der eigenen Mühle, Pralinés aus der Casino-Patisserie oder auch Casino-eigenes Geschirr und Besteck. «Im Frohsinn fokussieren wir auf die Apérostunde und kochen auf dem Feuer», beschreibt Ivo Adam das Konzept. Wer dieses Projekt führen werde, sei noch nicht entschieden. Zuerst muss er die Brandherde drüben im Casino löschen.
*Der Artikel erschien zuerst in der BZ.