DJs & die Heimtanzer

Radio Bollwerk bringt für einige Stunden Leben in die geschlossenen Stadtberner Nachtlokale. Es ist eine schwierige Clubnacht.

Meine Tanzschuhe kennen den Weg, auch wenn es eine Weile her ist. Auf den Tag genau elf Monate, als ich das letzte Mal im Nachtclub Kapitel am Bollwerk war – an meinem Geburtstag, dem 12. März 2020. Am nächsten Tag lauschte ich mit Kopfschmerzen Bundesrat Alain Berset, wie er uns allen den Pausenknopf drückte.

An diesem Abend kehre ich auch nur für einen Augenschein zurück, um zu sehen, wie die DJs hinter den Plattentellern im leeren Club auflegen. Sie legen für die «Closed Club Tour» auf, die nun wöchentlich jeweils freitags in Bern steigt.

Organisiert wird dies von Radio Bollwerk, ausprobiert haben sie es bereits in Zürich, wo es funktionierte, wie Roberto Grassi, Vorstand des Radios Bollwerk und Projektleiter Closed Club Tour Zürich, sagt. Die DJs legen auf, Radio Bollwerk sendet es als Stream, den die Clubber daheim dann anhören können. «Dieser Event ist wertvoll, weil wir in diesen schwierigen Zeiten einigen Künstlern einen Auftritt verschaffen und ihnen eine minimale Gage zahlen können», sagt Grassi.

Die DJs im Kapitel machen nicht den Anschein, als wäre niemand im Club. Sie sind in ihrem Element, doch sagen sie im Nachhinein, wie wehmütig sie der Auftritt gemacht hat. «Das letzte Mal, als wir hier zusammen hinter den Decks standen, lag Euphorie und Leichtigkeit in der Luft», sagt Cédric Marinello, der unter dem Namen Strong Legs Man spielt. Anouk Ursin, die als DJ den Namen TS Kala$hni trägt, ergänzt: «Gewohntes existiert nicht mehr, und es müssen neue Wege gegangen werden, um sich von der Misere abzulenken.»

Die Ablenkung funktioniert. Mein Herz hüpft bei jedem Bass, der Finger schnippt bei jedem Snare. Endlich wieder laute Musik, denke nicht nur ich. Die Kapitel-Betreiber sind ähnlich euphorisiert. Sie haben fürs richtige Feeling die Nebelmaschine angemacht. Die Discokugeln drehen, Lichtstrahlen fallen auf die Tanzfläche.

Drei Dinge stören das Partygefühl: Mitten auf der Tanzfläche steht ein Sofa. «Es ist ein schlechter Platzhalter. Es erinnert einen daran, was gerade abgeht beziehungsweise was nicht abgeht», sagt Marinello. «Natürlich war es wunderschön aufzulegen, aber ich bin melancholischer und nostalgischer als je zuvor», sagt Ursin.

Zudem riecht der Raum nach Bratfett und Burgern. «Auflegen und Burger passen zur momentanen Situation der Kunstschaffenden sehr gut. Leere Räume liegen uns so schwer im Magen wie der letzte Bissen eines Burgers, der zu viel war», sagt Ursin.

Weiter sind da noch die Velokuriere, welche die Burger abholen und in die bernischen Haushalte liefern. Sie geben sich die Klinke in die Hand, um die Ware abzuholen. Eine pragmatisch veranlagte Fahrerin bringt gleich ihr Velo mit rein. «Im Idealfall ist das Ganze ja eine Wechselwirkung zwischen dem Publikum und uns. Wir haben das Beste daraus gemacht, zwischen uns, dem leeren Kapitel, den Mitarbeitenden und den Velokurierinnen wechselgewirkt», sagt Ursin.

Eine der drei Kapitel-Inhaberinnen steht vom Tisch auf, wo sie sich mit einem Abendessen gestärkt hat, und gibt eine kurze Tanzeinlage. Der Techniker legt ein zusätzliches Kabel aus, damit der Stream stabil laufen wird. Zwei Stunden spielen TS Kala$hni und Strong Legs Man. Das Ende bekomme ich nicht mehr mit, weil ich mit Burger und Bier im Gepäck zu einer Freundin nach Hause fahre.

Dort am Küchentisch streamen wir das zweite Set. Mittlerweile spielen neue DJs. Schon bald gewinnt unser Gespräch an Fahrt, nicht nur wegen des Biers, sondern weil die Musik eher schwierig ist. So wie manchmal auch im Club: Versteht das Publikum die Musik nicht, so wird mehr gequatscht. Wer den Takt nicht trifft, fängt lieber ein Gespräch an, als sich beim Tanzen zu blamieren. Dennoch animiert das Set zum kurzen Tänzchen in der mittlerweile verrauchten Küche.

Wir stellen uns vor, dass viele Bernerinnen und Berner es uns gleich tun und ins Kapitel reinhören. Was wir im Nachhinein erfahren: 135-mal wurde der Event in Wohnstuben und Küchen angehört. Wenn jeweils schon nur zwei Leute vor den heimischen Boxen sassen, so sind das 270 Personen. Dreimal mehr als überhaupt in den Club passen würden.

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