Der Weinhändler Alexandre Schor übernimmt das ehemalige Café Montag in der Berner Gerechtigkeitsgasse als Zwischennutzung.
Die Bullaugen sind ein echter Hingucker. Das weiss der neue Betreiber Nik Horvat, weshalb er den vorderen Raum an der Gerechtigkeitsgasse mit Kunst füllen will. Als weiteren visuellen Kundenstolperer quasi. An dieser Adresse geht am Dienstag ein Food-Pop-up-Store auf.
Bis letzten Juli geschäftete dort das Café Montag. Es war eines der ersten Opfer der Corona-Krise. Über den Sommer wurde das Lokal mit einer Taqueria auf Zeit bespielt. Nun mietet das vegane Start-up Outlawz Food das Lokal, und dessen Partnerunternehmen Foodathome nutzt die Fläche als Verkaufsladen. Horvath ist dessen Geschäftsführer.
Dieses Unternehmen ist in der Not entstanden: weil Outlawz sein neues Gourmetrestaurant im Breitenrainquartier wegen des Lockdowns nicht eröffnen konnte. Outlawz spannte mit seinem Gemüselieferanten Etter Berno zusammen, der über Kühlmöglichkeiten und Lieferwagen verfügt, und gemeinsam zogen sie den Onlineshop Foodathome auf. Dieser soll nicht nur virtuell existieren, sondern auch in der realen Welt. «Die Leute schauen die Produkte gern an, bevor sie sie kaufen», sagt Horvat.
Nebst Foodathome wird Alexandre Schor südfranzösischen Wein verkaufen. Der gebürtige Franzose ist kein unbeschriebenes Blatt in Bern: Er destilliert Berner Liköre und vertreibt primär Wein seiner Familie. «Ich suche seit Ewigkeiten einen Laden, jetzt endlich klappt es», sagt der 40-Jährige. In der Gerechtigkeitsgasse betreibt Schor nebst seinem Weinshop und gemeinsam mit Nik Horvat eine Filiale der veganen Bäckerei «Bakery Bakery», ebenfalls ein Unternehmen von Outlawz. Das Gemüse und die Lebensmittel stammen bereits aus dem Sortiment von Foodathome.
Nicht nur der Bullaugen wegen ist das Lokal an der Gerechtigkeitsgasse ein Bijou. Die Treppe, die in die oberen Stockwerke führt, sei ein Überbleibsel aus dem Münster. Das erzählt der Besitzer, der kurz hereinschaut, um die elektronische Türe zu erklären. Dass Outlawz nun wegen der Corona-Krise tieferen Mietzins bezahlen, sei nicht der Fall: Der Vertrag sei schon vor dem zweiten Lockdown unterzeichnet worden. «Wir haben mit dem Vermieter ein angenehmes Verhältnis», sagt Kevin Schmid von Outlawz.
Trotz der schönen Ausstattung ist es ein schwieriger Standort: wenig Laufkundschaft, Touristen schenken ihm wenig Beachtung. Beide Personengruppen sind derzeit rar. Davor haben weder Horvat noch Schor Respekt. In der Nachbarschaft seien viele Büroangestellte, die sich nach einem Café oder Take-away-Kaffee sehnten, wissen sie aus Gesprächen mit Anrainern. «Ausserdem ist derzeit so wenig los. Wer etwas veranstaltet, hat sofort viele Leute», sagt Schor. Konkurrenz haben sie hier unten in der Altstadt wenig: Oben in der Kramgasse gibt es einen Voi und unten im Mattequartier ein Quartierlädeli.
Sobald der Lockdown vorbei ist, wird in die Lauben gestuhlt. Nik Horvat beschreibt exakt, wie es hier aussehen wird. Vor seinem geistigen Auge hat er schon alles eingerichtet. Er blickt Alexandre Schor an, auf den sein Tatendrang längst abgefärbt hat.
Die Bullaugen übrigens liess Theo Jakob vom gleichnamigen Möbelgeschäft einbauen, das früher hier auch seinen Verkaufsladen hatte. Sie symbolisieren zwei Augen.
*Der Artikel erschien zuerst in der BZ.