Seit rund zwei Wochen sinken die Umsätze der Stadtberner Restaurants ins Bodenlose. Kreative Ideen sind gefragt, damit sich Gäste auch im Winter in oder vor die Lokale getrauen.

20 Gäste an einem Abend in einem der grössten Restaurants von Bern, das Mittagsgeschäft eines Punktelokals geschlossen, sogar am Kornhausplatz herrscht gähnende Leere. Die Berner Beizer kämpfen um Gäste. Seit dem Sommer können Wirte zwar ihre Aussenfläche grosszügiger bestuhlen, doch bei garstigem Herbstwetter nützt auch dies allein nicht viel.
Alldem zum Trotz scheuen die kreativen Gastronomen keinen Aufwand, um Gäste anzulocken. Vier Beispiele:
Warmer Hintern dank Heizkissen
Die Stadt Bern kündigte an, den Beizern beim Kauf von Heizkissen finanziell auszuhelfen. Sie übernimmt die Hälfte der Anschaffungskosten. Viele Beizer hätten sich lieber Heizpilze gewünscht und schimpften die Kissen als «Hämorrhoidenkissen». Dennoch scheinen diese ein Erfolg zu sein: Wie Adrian Stiefel, Chef des städtischen Umweltamts, mitteilt, hätten nun doch 38 Betriebe 857 Kissen und Decken gekauft. Deren ökologischer Fussabdruck lässt sich sehen: Die verkauften Heizkissen haben eine Gesamtleistung von etwa 10 kW. Dies entspreche ungefähr einer Heizleistung eines einzigen Heizpilzes, schreibt der Gemeinderat in einer Antwort auf die Anfrage aus den Reihen der SVP-Stadträte. Ein Kissen kostet 45 Franken pro Stück. Wie Stiefel sagt, hätten auch andere Städte bei ihnen angefragt und auch Private sich solche Kissen bestellt. «Ohne den Unterstützungsbeitrag der Stadt natürlich, der nur Beizern zusteht.»
Baumhäuser und Chaletcharme
Vor dem Wylerbad im Breitenrainquartier, wo die Weinbar Trallala seit gut einem Jahr auftischt, zeigt sich ein ganz anderes Bild als im Sommer. Unter den Laubbäumen auf dem Vorplatz haben die Trallala-Beizer mit der Firma Woopdesign Baumhäuser und Terrassen gebaut. So wollen die Trallala-Wirte Gästen Sitzmöglichkeiten an der frischen Luft ermöglichen. «In der Gastronomie geht es darum, schöne Orte zu schaffen, das ändert sich auch mit Corona nicht. Hinzu kommt einfach noch der Sicherheitsaspekt», sagt Remo Gygax, der das Lokal mit Marco Belz, Sascha Pauli und Martin Helfer führt. Vier gedeckte Hüttchen und weitere ungedeckte haben Platz für jeweils zwei Vierertische. «Die Bühne können wir nun leider nicht nutzen, da Livekonzerte nicht erlaubt sind.» Aber diese funktionierten sie zur Feuerküche um, wo die Küchenchefinnen Cécile Rüegg und Marushka Houdijk ab nächsten Mittwoch kochen werden.
Damit nutzt Gygax den Vorteil eines Restaurants, das über einen grossen Vorplatz verfügt. Ein paar Hundert Meter weiter hinten in der Wankdorf-City hat das Restaurant Freibank ihr Winterprojekt «Zum Portier» aufgebaut. Eine Holzbeige sorgt für Atmosphäre, Windschutz und Chaletstimmung. Gerade dieses Jahr bewähre sich die Installation besonders, sagt Flo Jenzer, einer der vier Betreiber. Montags ist die Freibank nun geschlossen, und die Öffnungszeiten haben sie abends bis 23 Uhr verlängert. Draussen finden 32 Gäste Platz am Raclette-Tischgrill. Wegen der Hitze, welche die Holzkohlen abgeben, würden die Leute sogar ohne Jacken essen.
Virenkillendes Licht?
Im Restaurant Fédéral am Bärenplatz läuft derzeit ein Test mit UV-C-Lampen, die virushaltige Aerosole abtöten sollen. In jedem Raum wurde eine Lampe installiert, wie Peter Keller von der Firma Keller Klima aus Wichtrach erklärt. Da das ultraviolette Licht hautschädigend ist, müssen die Strahlen abgeschirmt werden. Die Luftumwälzgeräte wurden daher ausgebaut, mit der Lampe bestückt und wieder eingebaut. Fédéral-Geschäftsführer Alain Neuenschwander bestätigt den Test. Gekostet habe ihn das inklusive Installation 400 Franken. «In der durchströmenden Luft werden innert Sekunden Viren und Bakterien abgetötet. So versuchen wir, unseren Gästen über die BAG-Vorschriften hinaus noch besser Geborgenheit und Schutz zu bieten», sagt er. Man probiere alles, damit sich die Gäste im «Fedi», wie das Lokal im Volksmund heisst, sicher fühlen. Wem es nicht geheuer ist, der setzt sich draussen im Wintergarten hin oder in Decken gehüllt auf dem Bärenplatz.
Die Wirkkraft von UV-C-Licht ist umstritten. Kathrin Summermatter, Leiterin Biosicherheitszentrum vom Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern, meint dazu: «Die Wirkung der UV-Bestrahlung hängt immer von der Intensität ab. Es ist daher schwierig, über Geräte und deren inaktivierende Wirkung eine genaue Aussage zu machen.» Auch sei es so, dass die Intensität der Lampen über die Zeit, in welcher sie liefen, abnehme. Spezielle UV-Geräte würden unter anderem im Spital- sowie im Laborbereich zum Einsatz kommen. Dort würden sie jedoch unter kontrollierten Bedingungen angewendet, und die Intensität der UV-Lampe würde regelmässig überprüft. Summermatter weist zudem darauf hin, dass die Anwendung eines Gerätes kein Ersatz sei, sondern immer nur in Kombination mit den von den Behörden empfohlenen Hygienemassnahmen, also Social Distancing und regelmässigem Lüften, verwendet werden sollte.
Liefern und «lafere»
Nach der bundesrätlichen Sondersitzung vom 18. Oktober informierten viele Berner Restaurants darüber, dass sie ihren Lieferservice wieder aufnehmen. Diese Heimlieferungen haben zahlreiche Lokale im Lockdown lanciert, nicht um ihre Unternehmen in den schwarzen Zahlen zu halten, sondern als letzten Strohhalm und als Zeitvertreib. Einer dieser Lieferdienste, bei dem gleich zwei Branchen profitieren, ist derjenige aus dem Restaurant Matchbox. Dieses ist in der Zwischenzeit vom Tennisclub Neufeld in die Villa Stucki im Weissenbühl umgezogen. Das Wirtepaar Emmanuelle Rui und Tevfik Kuyas heuert Musiker an, die das bestellte Essen in der Villa Stucki abholen, beim Lieferort abgeben und obendrein noch ein Ständchen singen. Geplant sind laut Kuyas auch Abende, in der Berner Rapper oder Schauspieler liefern.