Bern & sein Weingut

Thomas Berner ist der neue Geschäftsführer der Domaine de la Ville de Berne. Er fängt in einer Zeit an, in der die Finanzen knapp sind und die Stadt sparen muss.

Der Weinstein glitzert wie ein Swarovski-Kristall. Er beschäftigt heute Morgen auf dem Rebgut der Stadt Bern in La Neuveville eine Handvoll Spezialisten. Weinstein sind die Rückstände von Wein in einem Holzfass. Einer der Männer rückt ihm mit einer Schleifmaschine auf die Pelle. Sie haben ein Fass von 2700 Litern auseinandergebaut. Ein Twanner Winzer hat seinen Betrieb aufgelöst und das Fass ans Weingut hier in La Neuveville verkauft.

Hinter den Spezialisten kippen die Rebgut-Angestellten Trauben in die Abbeermaschine, gerade wird der Chasselas geerntet. Von den sieben Vollzeitangestellten des Guts sind vier ausgebildete Winzer, zusätzlich sind zwei Lernende auf dem Betrieb. Die Winzerfamilie Louis, die hier seit 100 Jahren tätig ist, ist am heutigen Tag mit zwei Generationen vertreten: Der Vater Jean-Pierre interessiert sich für das angelieferte Fass, sein Sohn Hubert kurvt mit einem Mountainbike über den Weinberg.

Auf dem Feld sind rund 30 Personen mit der Traubenernte beschäftigt. Während in anderen Jahren ausländische Helfer Hand anlegen, sind es wegen des Coronavirus heuer primär Schweizer. Sie schneiden die faulen, angefressenen oder verdorrten Beeren gleich heraus. Für diese Arbeit stehen viele aufrecht, eine Frau macht das in der Hocke, ein Mann sitzt auf dem Rand seiner gelben Harasse. «Jeder hat seine Technik», sagt Thomas Berner, der neue Geschäftsführer des Rebguts.

Auch er hat einen Tag bei der Läset mitgeholfen. Für mehr hat es nicht gereicht, denn er hat eine andere Mission: den Weinverkauf steigern und das Gut wirtschaftlich wieder auf Kurs bringen. Der 49-Jährige hat im Mai die neu geschaffene Stelle angetreten. Der Jurist wechselte vom Bundesamt für Verkehr, wo er beim Nachfolgeprojekt der Bahn 2000 arbeitete, auf das Weingut am Bielersee. Schon während des Studiums hat der Erlacher auf Weingütern angepackt. In den letzten Jahren hat er seinen Beamtenjob kontinuierlich auf 60 Prozent heruntergeschraubt und arbeitete parallel in Rebgütern weiter. Als dann diese Stelle ausgeschrieben war, wusste er: Hier konnte er sein Wissen kombinieren.

Vorne gegen den See stehen am Hang die mit roten Beeren behängten Reben. Der Pinot noir. Dieser und der Chasselas gedeihen am Bielerseeufer hervorragend. Auch wegen der Bodenbeschaffenheit, die kalk- und moränenhaltig ist. Draussen auf der St. Petersinsel, die man von hier gut sieht, hat die Stadt Bern von der Burgergemeinde weitere fünf Hektaren Reben gepachtet, hier sind es 20 Hektaren. «Auf der Insel werden wir heute mit dem Lesen fertig», sagt Berner. Die Reben sieht man von hier nicht, denn sie liegen auf der anderen Seite, auf der «Sonnseite».

In Zeiten, in denen die Stadt Bern den Gürtel finanziell enger schnallen muss, wird der Betrieb des eigenen Weinguts von vielen Politikerinnen und Politikern kritisch hinterfragt. Die Bruttokosten beider Weingüter betrugen 2019 1,6 Millionen Franken. Rund die Hälfte sind Lohnkosten der sieben Angestellten. Letztes Jahr hat die Stadt Bern einen Verlust von 350’000 Franken eingefahren. «Politisch werden wir immer wieder zum Thema», sagt Berner. Er nimmt es gelassen. Bern ist damit schweizweit nicht alleine, beispielsweise hält auch die Stadt Lausanne fünf Rebgüter mit insgesamt 33 Hektaren Land. Oder der Staat Freiburg mit der Domaine des Faverges im Lavaux oder die Burger von Murten mit dem Cru de l’Hôpital.

Ob sich mit dem Weinverkauf die Kosten des Betriebs decken lassen, hänge von den «Läset»-Erträgen ab, heisst es bei der zuständigen Stelle in Bern, der Immobilien Stadt Bern. Letztes Jahr wurden 100’000 Liter Wein verkauft. Über einen Zeitraum von 10 Jahren betrachtet, weise das städtische Rebgut einen Verlust aus, der nicht zuletzt auf fehlendes Marketing und entsprechend unzureichende Verkaufsaktivitäten zurückzuführen sei, sagt Christina Martig von Immobilien Stadt Bern.

Vor den Gutshof «Lorette» hat man im Frühling neue Chasselas-Reben gesetzt. Sie werfen erst in vier Jahren einen Ertrag ab. «Die waren schon bestellt, sonst hätten wir vielleicht eine andere Sorte gepflanzt», sagt Thomas Berner. Denn der Klimawandel geht auch an den Winzern nicht vorbei. Glaubt man den Prognosen, so wird jedes Jahr die Jahresdurchschnittstemperatur bis 2050 ein bis zwei Grad wärmer werden und diese Region so warm wie das Piemont sein. «Doch unsere hiesigen Trauben brauchen gar nicht so viel Sonne. Und irgendwann wird der Wein nicht besser», weiss Thomas Berner.

Zwei Produktreihen vertreibt das Stadtberner Rebgut: diejenige von der St. Petersinsel, wo auch ein Schaumwein produziert wird. Und die von La Neuveville. Einige Etiketten wirken verstaubt oder gar altmodisch. Berner zeigt auf eine und meint: «Diese werden wir wohl ändern.» Auch sonst hat er zu tun, wenn das Weingut zum Fliegen kommen soll: Der Wein der Domaine de la Ville de Berne ist noch immer kein gängiger Name bei Weinkennern.

Die Stadt Bern hat nicht nur mit Verlusten zu kämpfen, auch investieren müsste sie: in die Gebäudesanierung des 50-jährigen Kellers und auch in das alte Ökonomiegebäude zwischen der Lagerhalle und der Villa, die der Familie Hubert Louis als Wohnhaus dient. Vor einigen Jahren war die Rede von rund fünf Millionen Franken. Investoren habe man vergeblich gesucht, sagt Thomas Berner. Eine anfängliche Idee von einem Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeiten wurde verworfen.

Bisher wurde der Planungskredit für die Sanierung des Ökonomiegebäudes in Höhe von 400’000 Franken gesprochen. Zu den Gesamtkosten der Sanierung würden laut Immobilien Stadt Bern noch keine konkreten Zahlen vorliegen. Eine erste Grobschätzung geht von Kosten in der Höhe von rund drei Millionen Franken aus.

Der Keller hat eine Kapazität von 150’000 Litern. Noch sind die Tanks leer, viele werden es dieses Jahr auch bleiben. Das liegt aber nicht an der Umstellung auf einen Biobetrieb, die derzeit läuft. Das laufende Jahr sei nicht ganz so einfach gewesen wegen frostiger Nächte und einer durchzogenen Blüte, aber auch die Wespen haben ihren Tribut verlangt, sagt Berner. Tatsächlich sieht man viele Beeren, die eher einer getrockneten Sultanine als einer prallen Weinbeere ähneln.

Zum fünften Mal hätte dieses Jahr der neue Jahrgang aus dem Mosesbrunnen in der Stadt Bern fliessen sollen. So stellt Gemeinderat Michael Aebersold (SP) den aktuellen Chasselas jeweils vor. Daraus wurde jedoch heuer wegen des Coronavirus nichts. Weingut-Geschäftsführer Thomas Berner beruhigt und verspricht für den nächsten Jahrgang: «Der Wein wird gut.» Vorausgesetzt man mag Chasselas.

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