Seit Montag berät die Orts- und Gewerbepolizei Stadtberner Beizer bei der Wiedereröffnung. Noch sind sie kulant, aber bald werden Wirte in die Schranken gewiesen.
Im «Pyri» sitzen drei Kollegen beim Espresso. Am Nebentisch bestellen zwei Männer «Ballöndli», das leere Glas vor sich. Der eine trägt Cowboystiefel, der andere einen Filzhut. Beides ist heute nötig, draussen bläst ein Wind, und es ist nass. Der erste Tag der Eisheiligen fällt zusammen mit dem vorläufigen Ende des Lockdown.
Ab heute Montag dürfen Beizen in der Stadt Bern wieder öffnen. Das Café des Pyrénées hat Tische weggeräumt und das Fumoir gesperrt, damit die Gäste Abstand halten. Schon morgens muss die Kellnerin ihre Gäste zurechtweisen. «Wir kamen, damit wir reden können», sagt ein Gast, der sich zum Kaffee-Trio setzen wollte. «Man muss zusammen eintreffen», sagt die Kellnerin geduldig. Schwer vorstellbar, wie das am Feierabend funktionieren soll.
Draussen rauchen zwei Männer bei einer Tasse Kaffee. Die Storen sind als Regenschutz ausgefahren, aber «Pyri»-Gäste sind robust. Auch hier gibts weniger Sitzplätze als vor Corona. Die Bank am Rand wurde mit einer Holzwand vom übrigen Aussenbereich abgetrennt. «Damit man nicht sieht, was drinnen läuft», witzelt der Beizer von nebenan, Tobias Burkhalter. Er steht mit zwei Mitarbeitern der Gewerbepolizei und deren Chef Marc Heeb auf dem Kornhausplatz. Alle lachen.
Ab Montag ist die Orts- und Gewerbepolizei in der Stadt unterwegs, auf dem ersten Rundgang war auch diese Zeitung dabei. Einige Beizer fordern ihren Besuch an, beispielsweise der Anker: Wirtin Susi Bill, bei jedem Sauwetter in Rock, ärmellosem Shirt und strumpflos unterwegs, und ihre Tochter warten draussen. Die Mutter ruft: «Wo ist denn der Sommer?», und ihre Tochter wedelt mit dem Meterstab, um den Beamten die Abstände zu zeigen. Die winken ab. Wichtig sei, dass die Feuerwehr zwischen Kornhaus und dem Anker hindurchkommt. Ein einziger Tisch muss weg.
Für Diskussionsstoff sorgt auch die Expansion der Aussenfläche. Denn die Beizer dürfen ohne Baubewilligungsverfahren ihre Aussenbereiche vergrössern. Die Anker-Wirtsleute haben mit dem Schmiedstuben-Wirt Burkhalter den Bereich unter sich aufgeteilt. Marc Heeb ist zufrieden. «Mir ist es lieber, wenn sie sich untereinander einigen», sagt der Leiter des Polizeiinspektorats.
Drinnen im Anker haben sich Stammgäste eingefunden bei Kafi Lutz und Egger-Bier. Es ist kurz nach 11 Uhr. Einige Tische sind mit weiss-rotem Klebeband abgeklebt, andere hat man entfernt, um die Sicherheitsabstände zu gewährleisten. Die Kellnerinnen tragen Masken und Handschuhe. Auch die Wirtin, aber ihre Nase steckt nicht unter der Maske.
Während der Anker die Tische weiter auseinandergestellt hat, setzt die Cuba-Bar nebenan auf Schutzwände aus Plexiglas. Diese sind nicht im Boden verankert, ein Plexiglas hat sich vom Holzgestell gelöst, ein anderes hat der Wind umgeblasen.
Das kümmert die Gewerbepolizei nicht. Noch ein Blick aufs Anker-Mittagsmenü, dann geht es weiter: «Wir haben sieben Wochen vom Menü geträumt», so Marc Heeb. Ihre Büros haben die Mitarbeiter der Orts- und Gewerbepolizei in der Predigergasse, deshalb isst man ab und an hier.
Auf dem Kornhausplatz drängen nur Beizer auf den öffentlichen Grund, anders auf dem Waisenhausplatz, wo es an drei Tagen die Wochen Märit gibt. Das muss beispielsweise Giuseppe Pignatelli, der Wirt vom Restaurant Molino Thurm, bei seinem Aussenbereich berücksichtigen. Dienstags, donnerstags und samstags ist seine Terrasse anders gestuhlt als an den anderen Tagen. Die Dichte der Marktstände ist nun aber geringer, somit dürfte es auch für einige seiner Tische Platz haben.
Während er sein Mobiliar noch nicht nach draussen geräumt hat, hat das benachbarte Restaurant Da Vinci bereits alle Tische aufgestellt. «Er ist in seinem Bereich geblieben. Wir werden zusammen schauen, wer wo ausbauen darf», sagt Pignatelli. Die Gewerbepolizisten nicken und geben ihm ungefähre Masse an.
Im Molino haben noch je 20 Personen pro Etage Platz. «Unser wichtigstes Gut ist der Waisenhausplatz», sagt Pignatelli. Diese Expansionen sind auch für die Orts- und Gewerbepolizei oberste Priorität. Jetzt laufe die Übergangsphase, gegen Ende der Woche werde man strenger kontrollieren und «justieren». Wer die Auflagen nicht einhält, der verstösst gegen die Covid-Verordnung und riskiert eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldbusse. Die Orts- und Gewerbepolizei kann die Beizer aber nicht selber anzeigen, sondern würde die Kantonspolizei entsenden. «Wir können bloss verwarnen», so Heeb.
Marc Heeb, der in der Berner Gastrozsene den Ruf eines Pragmatikers geniesst und für seine Arbeit vor drei Jahren mit dem Gastrobären ausgezeichnet wurde, betont immer wieder das Miteinander und das Ausprobieren. Diese Wiedereröffnung der Gastroszene nach dem Lockdown ist die grösste Aktion, die er in seinen 20 Jahren bei der Orts- und Gewerbepolizei bisher erlebt hat.