Heute ist Tag des Schweizer Biers. Den Brauereien der Stadt und Region Bern ist nicht zum Feiern zumute, denn ihre Umsätze sind weggebrochen. Sie hangeln sich mit Quartierbier und Pferdegespannen durch die Krise.
Bernard Fuhrer steht vor dem «Schalander», dem Pausenraum für Felsenau-Brauer. Am Tisch sitzen vier Brauer, sie kleben am Rand der Bänke, um Abstand zu wahren. Sie trinken Premiere-Bier – jenes Bier, das vom Berner Stadttheater hätte ausgeschenkt werden sollen und nun in der Corona-Krise retour kommt. «Unser Feierabend ist gleich geblieben. Wir trinken, was wir tagsüber abgefüllt haben. Oder eben Flaschen einer Retourlieferung», sagt Fuhrer. Der 39-Jährige führt die Brauerei Felsenau seit Januar 2018. Letztes Jahr tranken Bernerinnen und Berner 2,5 Millionen Liter Bier der grössten Stadtberner Brauerei. Es lief wie am Schnürchen. Dann kam Corona.WEITER NACH DER WERBUNGhttps://tpc.googlesyndication.com/safeframe/1-0-37/html/container.html
Am Donnerstag wären die Solothurner Biertage gestartet, seit heute Freitag wäre die BEA auf dem Messegelände in Betrieb, und im Sommer wäre am Stadtfest ordentlich Felsenau-Bier gezapft geworden. All diese Events sind gestrichen. «Jedes abgesagte Fest tut weh», sagt Fuhrer, «die BEA aber ist für uns besonders wichtig, da haben wir zehn Tage lang ein direktes Feedback der Konsumenten erhalten.» Anstatt vom aktuellen Bierwetter profitieren zu können, hat Fuhrer Kurzarbeit angemeldet, denn 75 Prozent seines Umsatzes macht er in der Gastronomie. Der Umsatz von Offenbier ist komplett weggebrochen, da alle Bars und Beizen geschlossen sind. Statt an fünf Tagen pro Woche wird noch an deren zwei produziert.
Trotzdem will Fuhrer auf den Sommer hin die Tanks im Keller voll haben, richtig parat sein, wenn es losgeht. Dadurch, dass nun weniger Bier getrunken wird, lagert dieses länger. Im Normalfall sind es bis zu acht Wochen, nun gar einen Monat länger. Das tue dem Bier sogar gut. Solange das Bier gekühlt in Lagertanks sei und kein Sauerstoff dazu komme, sei es problemlos. «Wir müssen kein Bier vernichten», bilanziert Fuhrer.
Einen Vorteil hat der Standort seiner Brauerei unten in der Felsenau: «Viele kommen hierher, um direkt zu kaufen. Diese Kunden meiden Einkaufszentren mit vielen Leuten», so Fuhrer. Mitte März hat Felsenau das Frühlingsbier lanciert, das schon fast aufgebraucht sei. Und den Sud fürs Festbockbier wurde nun angesetzt. Anders als normales Bier bleibt dieses sechs Monate im Tank.
Bei Felsenau arbeiten 20 Festangestellte, darunter fünf Brauer. Ab Sommer wird wieder ein Lehrling ausgebildet. In drei Kellern wird das Bier gelagert, die Lagerung stiess mit den steigenden Zahlen an ihr Limit. Deshalb wird nun das älteste Lager wieder in Betrieb genommen. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Haus, sondern um den Felsenkeller – eine Sandsteinhöhle, die in den 1850ern von Hand ausgehoben wurde. Damals kühlte man noch mit Eis und Schnee. Bis in die 1980er wurde es genutzt und danach stillgelegt. So entsteht Lagerkapazität für zusätzliche 54’000 Liter Bier. Hier wäre auch das Bier gelagert worden, das am Gurtenfestival hätte ausgeschenkt werden sollen. Doch dieser Event dürfte wohl auch abgesagt werden. «Wir nehmen das neue Lager trotz Corona in Betrieb», sagt Bernard Fuhrer.WEITER NACH DER WERBUNG
Barbière wird zum Quartierladen
Beschaulicher geht es bei der Nummer drei der Stadt Bern zu, auch weil bei ihnen alles Handarbeit ist: 44’000 Liter Bier der Garagenbrauerei B40 wurden letztes Jahr getrunken. Jedes einzelne Glas davon wurde in der Barbière am Breitenrainplatz gezapft – das Lokal also, das zur Brauerei gehört. Jetzt, in der Corona-Krise, haben die Macher auf Dosenbier umgeschwenkt. Zwei Wochen hätten sie nichts verkauft, bis sie den Onlineshop aufgebaut haben.
Seit dieser Woche verfügen die Brauer über einen Laden, dafür haben sie die Räume der Barbière umfunktioniert. Es sei gut angelaufen: «Die Leute trinken ganz klar mehr regionales Bier», sagt Ändu Bart, der Barbière-Geschäftsführer. Auf ihrer Terrasse hätten sie in den letzten Wochen grosse Umsätze gemacht. Gerade der Frühling und der Herbst seien für sie wichtig. «Im Sommer sitzen dann alle unten», sagt Bart. Mit unten meint er unten an der Aare.
Dürfen Beizen wieder öffnen, brauchen die Barbière-Leute keine Vorlaufzeit. Sie seien parat, die Tanks sind voll. Bart ist überzeugt: «Wenn es losgeht, dann von 0 auf 1000.» Für den Tag des Biers planen sie nichts Spezielles, denn: «Bei uns ist jeden Tag ein Tag des Biers, wir sind ein Brauereilokal.»
Quartierbier aus dem Tramdepot
Vor dem Coronavirus hatte Thomas Baumann, der das Alte Tramdepot beim Bärengraben führt, steigende Zahlen zu melden: Letztes Jahr setzte er 300’000 Liter Bier ab und ist damit die zweitgrösste Brauerei in der Stadt Bern. Im Vergleich zum Vorjahr sei diese Zahl sogar um 10 Prozent gestiegen. Der 56-Jährige kennt den Grund: «Wir verkaufen unsere Biere in Flaschen. Ich wollte das lange nicht, aber die Brauer bestanden darauf. Genau das hilft uns jetzt», sagt Baumann. Die Zahlen machen ihm dennoch Kummer: Im 1. Quartal hat er im Vergleich zum Vorjahr 24 Prozent weniger Umsatz gemacht, seit dem Lockdown verkauft er 80 Prozent weniger Bier.
Der Flaschenumsatz aber habe sich verdoppelt: 15’000 Flaschen Bier hat er so im Direktverkauf innerhalb eines Monats absetzen können. Das Tramdepotbier findet man nur in kleineren Läden. Während der Corona-Krise seien einige dazugekommen. Eine Käserei, ein Weinhändler, ein Metzger oder sogar ein Gemüsehändler verkaufen es nun. «Mir ist es lieber, bei den Kleinen präsent zu sein», sagt er.
Pro Jahr nimmt das Tramdepot an vier bis fünf Bierfestivals teil. Beim abgesagten Berner Stadtfest wären sie eine der vier Lokalbrauereien auf dem Casinoplatz gewesen. «Aber ich bin froh, dass wir da mehr Zeit haben», sagt Baumann. Zudem sei das Fest ja nicht abgesagt, sondern nur auf nächstes Jahr verschoben.

Bier vernichten musste auch er nicht. 250 Liter des Osterbiers, das nicht ganz getrunken wurde, hat er kurzerhand in ein Eichenfass abgefüllt. Daraus wird ein Sauerbier entstehen, welches das Tramdepot spätestens in 12 Monaten verkaufen wird. Den Namen hat Baumann schon: Drunken Rabbit, zu Deutsch betrunkener Hase. Insgesamt hat auch er längere Lagerzeiten, deshalb dürfte das Bier weniger trüb sein. In der Not ist auch ein Quartierbier entstanden, das 3006. «Da wir das Bier im Einstein-Café und im Klösterli-Weincafé, die wir auch beliefern, nicht ausschenken können, haben wir es in Flaschen abgefüllt und verkaufen es halt so», sagt er.
Für seine Brauerei hat er 50 Prozent Kurzarbeit angemeldet. Die Brauer sind in zwei Teams aufgeteilt, damit sie sich nicht anstecken. Gebraut wurde in letzter Zeit nichts, beschäftigt sei man primär mit dem Abfüllen und den Kundenbestellungen. Ausserdem können Passanten auch bei der Gelateria Eiswerkstatt, die zum Alten Tramdepot dazugehört, die hier gebrauten Biere zum Mitnehmen kaufen. Thomas Baumann sagt: «Oft sieht man bei Paaren, dass sie ein Eis schleckt und er ein Bier trinkt.»

Baumann hat grosse Hoffnungen, dass am 8. Juni Normalität in die Gastrobranche kehrt. «Wenn ich rausschaue, macht mich das schon nachdenklich. Wir hätten unglaubliche Umsätze gemacht bei diesem Wetter», sagt er. Er steht in Kontakt mit Gastro Bern und Gastro Suisse, von denen er hofft, dass sie mit «gescheiteren Ideen» kommen, als die Gästeanzahl zu beschränken. In einem Lokal wie dem Tramdepot, in dem alleine drinnen 220 Plätze sind, nur 50 Personen zu bewirten, sei einfach nicht rentabel.
Auf den heutigen Tag des Biers hat er eine Aktion geplant, die er trotz Corona durchführen kann. Gemeinsam mit der Brauerei Wabräu aus Wabern hat das Tramdepot ein Bier kreiert. Es ist ein untergäriges, kalt gehopftes Californian-Common-Bier. Alles sei gemeinsam entstanden – das Rezept, der Sud. Und heute wird es symbolisch angezapft, 1600 Liter werden in Fläschchen abgefüllt, wovon die Hälfte an Wabräu geht und die Hälfte durch das Tramdepot vertrieben wird. Der Name passt nicht nur zu ihrem Projekt, sondern generell in diese Zeit: Es heisst «Zäme».