Bristol & die Leere

Wegen des Coronavirus sind derzeit die meisten Stadtberner Hotelbetten leer. Eine einsame Nacht im The Bristol.

Die Lifttür geht auf, und da steht er: Halbglatze, schwarze Lederjacke und leuchtende Augen. Ich erschrecke, jetzt einem Menschen zu begegnen. Das Hotel The Bristol verfügt über 100 Zimmer mit 166 Betten. 163 Betten bleiben kalt. Nur dieser Mann, ein weiterer Gast und ich schlafen heute hier.

Wegen der Corona-Krise sind viele Stadthotels leer und deshalb zu. Die Buchungsplattform Booking listet 14 von normalerweise über 30 buchbaren Hotels auf Stadtboden auf. Geschlossen sind auch das imposante Bellevue und der elegante Schweizerhof, womit die Bundesstadt derzeit nicht einmal mehr über eine Fünfstern-Unterkunft verfügt.

Ich stehe noch immer vor ihm. Er ist gefasster als ich, jemanden zu treffen, und grüsst auf Hochdeutsch. Ich bringe gerade mal ein Hallo raus, merke, dass ich starre, und dränge mich vorbei. Vergessen sind die zwei Meter Sicherheitsabstand. Während ich durch den langen Gang zum Zimmer gehe, frage ich mich, wo er wohl hingeht. Geht mich nichts an. Zum ersten Mal überhaupt mache ich mir Gedanken über andere Gäste in einem Hotel. Aber es ist auch das erste Mal, dass ich in einem so leeren Hotel bin.

Das Bristol in der Schauplatzgasse hat einen guten Standort, um eine andere Strategie zu fahren. «Wir wollen da sein, falls es eine Nachfrage gibt. Es gibt ja immer noch Leute, die reisen müssen», sagt Geschäftsführerin Sandra Wehren am nächsten Tag. Gewinnbringend sei ihr Betrieb derzeit natürlich nicht, aber vier Stockwerke seien geschlossen und Rezeptionisten werden auch im Service eingesetzt, um Fixkosten zu sparen. Und Wehren spekuliert auf medizinische Helfer, die ein Zimmer brauchen, oder auf Parlamentarier, die für die Sondersession Anfang Mai nach Bern kommen werden.

Nach meinem Check-in ist der Rezeptionist nach Hause gegangen. Ein Nachtportier kommt später für einen Kontrollgang vorbei. Mehr ist da nicht. Wenn ich die Schlüsselkarte verliere, hilft mir niemand. Ich erkunde das Haus, fühle mich dabei wie der unbeaufsichtigte Junge im Film «Kevin allein zu Hause».

Im Zimmer lege ich mich aufs Bett und lausche in die Stille. Unterbrochen wird sie von Geräuschen der Lüftung, des Radiators und dem Glockenschlag der Heiliggeistkirche. Ich beschliesse, eine Runde um den Block zu drehen. Bern an einem Sonntag war immer schon still. Jetzt herrscht Totenstille. Ich gehe am geschlossenen Hotel Kreuz vorbei, beim Bärenplatz büssen zwei Polizisten einen renitenten Autofahrer, der die Gunst der Stunde genutzt hat, um über den Bundesplatz zu fahren. An der Front, wie der Bärenplatz auch genannt wird, ist alles geschlossen. Ausser an der Ecke beim Käfigturm brennt Licht: Das «Way to India» geschäftet als Take-away. Velokuriere brausen an mir vorbei, ihre Rucksäcke gefüllt mit bestelltem Essen.WEITER NACH DER WERBUNG

Je näher ich durch die langen Lauben dem Bahnhof komme, desto mehr zwielichtige Gestalten begegnen mir. Sie fragen nach Geld – und kommen dabei bedrohlich nahe. Am Bahnhof ist der Foodcourt zu. Somit werde ich mir Essen ins Hotel bestellen. Das wird aber eine Weile dauern, weil wohl halb Bern sich etwas nach Hause kommen lässt. Zur Überbrückung kaufe ich Junker-Bier, Kambly-Apérostängeli und ein Mattebrennerei-Desinfektionsmittel im Coop.

So ein schneller Teller

Bei der leeren Loeb-Ecke beginne ich meine Schlüsselkarte zu suchen, nach einem kurzen Anflug von Panik finde ich sie, und nichts wie rein ins Hotel. Ich setze mich ins ruhige Restaurant, was sich illegal anfühlt. Es ist 20 Uhr, seit zwei Stunden bin ich hier, und mein Zeitgefühl ist verzerrt. Ich vertreibe mir die Zeit mit Corona-Schlagzeilen: Schweden mit einer anderen Strategie. Eine geheilte 33-Jährige, die in der Narkose halluzinierte. Eine ansteckende Après-Ski-Party.

Ich höre nur Busse vorbeibrummen. Das Radio ist ausgeschaltet, der Rezeptionist hat mich instruiert, wo ich das Licht einschalten kann. Ich erschrecke, als das Handy klingelt: Die Velokurierin des Berner Lieferdiensts «Schneller Teller» steht vor der Türe. Wegen Corona-Regeln bleibt ihr Trinkgeld auf der Strecke. Sie zuckt mit den Schultern, schwingt den übervollen Rucksack auf den Rücken und sich selbst aufs Velo.

Ich passiere die leere Lobby, ein seltener Anblick in der Hotellerie. Der Lift ruht ungenutzt im Erdgeschoss. Der Gang zum Zimmer fühlt sich länger an, und beim Gedanken, dass alle Zimmer unbewohnt sind, wird die Leere förmlich spürbar. Im Zimmer packe ich die Sushi aus. Die Kurierin war so zackig unterwegs, dass alles durcheinandergeraten ist. Ich muss lachen und esse alles auf.

Normalität täuscht

Es ist spät geworden. An die Vorstellung, in einem leeren Hotel zu schlafen, habe ich mich gewöhnt. Dass die anderen Gäste noch nicht im Bett sind, höre ich an einigen Geräuschen. Kurz nach dem 23-Uhr-Schlag der Heiliggeistkirche döse ich weg. Entgegen meinen Erwartungen träume ich nicht vom apokalyptischen Bern.

Morgens ist in der Lobby Betrieb: Eine gut gelaunte Mitarbeiterin grüsst laut. Die Rezeptionistin serviert das Frühstück und Kaffee. Sie bekommt Besuch von Kollegen, die einen Schwatz halten. Drei Frühstückssets sind im Abstand von zwei Metern aufgetischt, die anderen beiden sind noch unbenutzt.

Die Welt scheint drinnen bei Tageslicht in Ordnung. Ich sitze im Restaurant, schlürfe Cappuccino. «Herzlich willkommen» tönt es von der Rezeption, als ein älterer Mann eincheckt. Später tun es ihm zwei jüngere nach. Ich erblicke draussen Velofahrer und vereinzelte Passanten. Einzig die Schutzmasken, die ein Rentnerpaar trägt, erinnern mich daran, dass nichts, aber auch gar nichts normal ist. «Upside down» singt Jack Johnson aus dem Lautsprecher. Er hat recht, wirklich alles steht draussen kopf.

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