Das Coronavirus beschert der Bäckerei Reinhard zwar Kurzarbeit und Umsatzrückgänge, aber auch neue Projekte. Der Chef Alexander Reinhard ist in Aufruhr.
Fünf Männer stehen vor der Bäckerei Reinhard an der Milchstrasse. Es sieht aus, als würden sie warten, bis der Laden aufmacht. Dem ist nicht so: Wegen des Coronavirus dürfen sich nur noch drei Kunden gleichzeitig im Laden aufhalten. Das Tearoom ist sowieso geschlossen. Die Kunden draussen halten Abstand, einer wartet regungslos, ein anderer tritt von einem Bein aufs andere.
Dann kommt Bewegung in die Formation, einer tritt in den Laden und geht an den Verkaufstresen, wo behandschuhte Verkäuferinnen hinter Plexiglas warten. «Grüessech, was wettet dir de?», heisst es. Solche Szenen sind in Berns Bäckereien Alltag. «Uns geht es besser als den Restaurants, wenigstens dürfen wir noch verkaufen», sagt Alexander Reinhard, der das Familienunternehmen in der vierten Generation führt.
Stadtzentrum wird gemieden
Die Corona-Krise trifft auch Reinhard hart, aber er komme verhältnismässig glimpflich davon: Zwar hätten alle vier Generationen vor ihm unterschiedlich gearbeitet, aber alle hätten für schlechte Zeiten gespart. Auch er. Er hat die Pensen um circa 50 Prozent reduziert, für den Arbeitsausfall hat er Kurzarbeitsentschädigung beantragt. Er stockt den Lohn aller Angestellten so auf, dass am Ende alle ihren bisherigen Lohn erhalten. «Das kann ich vorläufig durchhalten», sagt er.
Insgesamt hat er sechs Filialen, vier an neuralgischen Orten in der Innenstadt: Die Umsätze in der Marktgasse, der Spitalgasse, am Bahnhof und beim Zentrum Bubenberg seien um 60 Prozent eingebrochen, da es im Stadtzentrum keine Laufkundschaft mehr gebe, auch weil viele Homeoffice machen. Seine Filialen Brunnadernstrasse (unten im Bild) und Milchstrasse in Ostermundigen, die man auch Mösli nennt, verzeichnen im Verkaufsladen 15 Prozent Umsatzrückgang. In den Gastrobereichen, die er schliessen musste, sind die Umsätze bei null. Grundsätzlich habe er bei den weniger zentralen Filialen noch immer viele Kunden, weil die Menschen das Stadtzentrum meiden. Und Alexander Reinhard hat den Eindruck, dass sie sich an Distanzen halten. Die Kunden seien geduldig und würden auch mal untereinander einen Schwatz halten.
Während im Verkauf Sicherheitsmassnahmen wie Handschuhe und Plexiglas eingeführt wurden, ist in der Produktionsstätte in Bolligen Hygiene von jeher das oberste Gebot: Man arbeitet mit Seife, Desinfektionsmittel und Hygienekleidung. Reinhard hat sein Team in zwei kürzeren Schichten organisiert, damit der Betrieb funktionstüchtig bleiben würde, falls jemand krank würde. Weil viele Angestellte lange Anreisen für einen kurzen Arbeitstag auf sich nehmen, überlegt er sich sogar, ob er den Dienstplan noch einmal anpasst. «Wir sind beweglich und können uns schnell anpassen.»
Dabei hilft ihm die App «beekeeper», die er schon vor der Corona-Krise als virtuelle Pinnwand nutzte. Nur fünf seiner 160 Mitarbeitenden haben eine firmeneigene Mailadresse. Die meisten haben hingegen ein Smartphone, weshalb Reinhard jede interne Kommunikation über die App abwickelt. «Das hilft uns jetzt sehr. Nicht nur fürs schnelle Informieren, sondern auch um meine Angestellten zu beruhigen», sagt er. Beim Telefongespräch spricht er schnell und klar. Man spürt seinen Optimismus und seine Räson. Von Woche zu Woche beurteile er die Lage neu. «Ich reisse nicht das Steuer rum. Lieber spure ich ruhig in die neue Strasse ein», sagt der 49-Jährige.
In Paris wurde er Bäcker
Während der Betrieb möglichst normal weiterläuft, hat sich aber der Alltag von Alexander Reinhard verändert. Er sei viel mehr am Telefon als vorher. Seine Aversion gegen Social Media hat er abgelegt und ein Instagram-Konto eröffnet. «Meine jungen Angestellten zeigen mir alles und diktieren mir die Hashtags», sagt er. Auch das hätte wieder Jahre gedauert, meint er. Seine Offenheit liegt an seiner Neugierde und dass er immer zuerst die Chancen sieht. So kam er auch zu seinem Beruf. Sein Vater lud ihn auf eine Reise nach Paris ein. «Dort entschied ich spontan, dass ich doch eine Bäcker-Konditor-Lehre machen möchte», erinnert er sich. Und diese absolvierte er sogar in der französischen Hauptstadt. Später studierte er Betriebsökonomie in Bern.
Bei der Auslieferung der Brote hat auch das Coronavirus nichts geändert, da arbeite man mit Kisten und Handschuhen. Die Filialen werden mit weniger Ware beliefert, damit nicht zu viel übrig bleibe. «Gerade in den ersten Tagen haben wir das nicht geschafft. Jetzt geht es gut», sagt Reinhard.
Die Ware, welche nicht verkauft wird, werde normalerweise an «Tischlein, deck dich» abgegeben, aus Hygienegründen hat man diese Essensspenden geschlossen. Vieles wird durch die Mitarbeiter verspeist, die laut Reinhards Aussage schon immer Backwaren nach Ladenschluss gratis hätten mitnehmen dürfen. Zur Bekämpfung von Essensverschwendung dient auch die Aktion «Zwei-zwei-zwei», bei der Backwaren am zweiten Tag für zwei Franken verkauft werden.
Neueste Idee: Der Hasen-Express
Mit Thomas Glatz von der Bäckerei Glatz pflegt Alexander Reinhard eine engere Zusammenarbeit, und in der Corona-Krise stampften sie einen gemeinsamen Lieferdienst «Berner Beck Kurier» innert vier Tagen aus dem Boden. «Im Normalfall würde das Wochen dauern, jetzt in der Krise laufen wir zur Höchstform auf», sagt Reinhard.
Self-made-Spitzbub oder maskierter Osterhase
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Und Anfang Woche folgt der nächste Streich: die «Tour de Berne», ein Gratislieferdienst für Osterspezialitäten. Während er mit dem Brot-Kurier vor allem älteren Leuten einen Dienst erweisen will, zielt er mit der Osterhasen-Lieferung auf alle. «Die Hasen sind produziert, jetzt müssen sie nur noch zum Kunden. Warum soll ich warten, bis Ostern vorbei ist und dann ins Gilet weinen, dass alles für nichts war?», sagt er. Die Krise befeuert bei Reinhards Projekte, die vielleicht nicht nur während dieser besonderen Zeit bleiben. Er sinniert: «Einiges hätte man schon lange vorher erfinden sollen. Vielleicht behalten wir den Brot-Lieferdienst für Ältere sogar. Wer weiss.»