Leonie Thür ist der grösste YB-Fan. Wir haben die 10-Jährige an den ersten Match nach der Winterpause und ins Fussballtraining auf den Spitz begleitet.

Zielstrebig geht Leonie Thür durch die Menschenmenge. Heute ist das Stadion voll, trotz Kälte. Ihre Mütze hat sie tief ins Gesicht gezogen, das Puff bis über die Nase, ihre blauen Augen leuchten. Endlich wieder Match, es ist der erste nach der Winterpause und die 10-jährige Leonie konnte es kaum erwarten. Doch jetzt will sie grad nicht aufs Spielfeld schauen, jetzt braucht sie den Radiatoren in der Toilette, um sich aufzuwärmen.
Sie ist aber kein Gfrörli. Ein Gfrörli würde nicht Fussball schauen oder spielen. Mit den E-Junioren des FC Breitenrains trainiert sie zwei Mal die Woche auf dem Spitz. Auch im Winter bei Eiseskälte. Mit im Team ist auch ihr 9-jähriger Bruder Noel. Spielpositionen sind noch nicht festgelegt, doch Leonie weiss: «Ich will im rechten Sturm sein.»
Als Patchwork-Familie ans Spiel

Ihre Mutter Janine nahm sie schon im Tragtuch ins Wankdorf, Leonie habe schon als kleines Mädchen lange stillsitzen können. «Nicht das Spiel hat sie fasziniert, sondern die Fans», sagt ihre 39-jährige Mama. Auch heute schaut Leonie rüber zur Fankurve, die mit einer ganzen Reihe Pyros den amtierenden Schweizer Meister zum Rückrundenstart begrüsst. Ob sie, wenn sie älter ist, auch dort drüben stehen wird? «Mal sehen», sagt sie. Vorher muss sie noch die Lieder üben, denn sie könne nicht alle Fanlieder auswendig. «Aber das Meisterlied natürlich schon.» An die Meisterfeier erinnert sie sich gern und erzählt vom ersten Schultag in Ittigen nach dem alles entscheidenden Match gegen den FC Luzern: «Ich bin so stolz zur Schule gegangen, und der Unterricht verlief gar nicht normal.»
Leonie ist der grösste Fan der ganzen Familie, sagt die Mutter über ihre Tochter. Dabei hat sie nicht wenig Konkurrenz: Denn nebst der Mutter – selber YB-Anhängerin seit Kindertagen – und ihrem Bruder Noel sind auch der Partner von Janine, Yves Schüpbach und seine Söhne Andri (6) und Gian (10) grosse Supporter. Auch sie sind natürlich heute am Spiel. Die Abos haben sie nicht nebeneinander, aber die Kinder hoffen immer, dass jemand nicht erscheint, damit sie alle in einer Reihe sitzen können. Heute aber sind alle gekommen, und so sitzen die drei Schüpbachs zwei Reihen weiter hinten. Wenn auch nicht nebeneinander, Hauptsache im Stadion.
Nur eine Ausrede

Das Vorbild von Leonie in Sachen Tore und Treffer ist Guillaume Hoarau. Sie mag seine Nummer und seine Grösse, weil er nur noch den Kopf hinhalten müsse, um zu treffen. Und etwas Spezielles verbindet sie mit ihm: «An meinem Geburtstag hab ich ein Gratulationsvideo von ihm bekommen, das war cool.» Dass Fussball nur etwas für Jungs ist, hat sie sich noch nie überlegt. «Manche Buben machen Sprüche, aber im Juniorenteam hat es auch zwei andere Mädchen.»
So zielstrebig ihre Laufwege auf dem Fussballplatz sind, sind es auch ihre Antworten. «Wenn ich erwachsen bin, will ich entweder bei den YB-Frauen spielen oder die Firma von meinem Papa übernehmen», sagt sie und blickt einem ernst in die Augen, dass man es schlicht glauben muss. Bis dahin übt sie, daheim mit Noel oder auf dem Pausenplatz. Eine Ausrede, nicht Fussball zu spielen, gibt es für sie nicht, ausser: «Wenn es schneit, dann machen wir lieber eine Schneeballschlacht.»
*Das Porträt erschien zuerst im YB-MAG.