Sieben Tore schoss YB im September an jenem sonnigen Sonntag, als die Leute direkt von der Aare ins Stadion kamen. Einen weiteren Weg nahm Chrigu Zürcher auf sich, denn der YB-Fan wohnt in Berlin.

Seine Liebe zu YB fing mit einer Lüge an: «Ich sagte meinen Eltern, dass ich bei Kollegen schlafe. Aber wir fuhren nach Bern, an die YB-Night im Kursaal», erinnert sich Chrigu Zürcher. Mit dem letzten Zug gings zurück ins Emmental. Das ist 20 Jahre her und der heute 38-Jährige ist YB treu geblieben. Wenn auch wie viele mit einem langen Leidensweg: «Wir kehrten oft wie geschlagene Hunde nach Hause zurück.» Dass er überhaupt Fussballfan wurde, ist Zufall: Er wuchs in Langnau auf und spielte Hockey, beim SC Langnau. Zürchers Vater stammt von Langnau, seine Mutter aus Mexiko, weshalb er zweisprachig aufwuchs. «Wenn meine Mutter mich vom Hockeytraining abholte und Spanisch oder gebrochen Deutsch sprach, schämte ich mich manchmal etwas», sagt Zürcher.

Seine Jugend- und Flegeljahre verbrachte Zürcher in Bern, im Neufeld und im Wankdorf. Dann benötigte er einen Tapetenwechsel und lebt nun mit seiner Freundin Marlene in Berlin. Nicht immer reiche das Geld, um ins Stade de Suisse zu reisen. Eine nervenaufreibende Sache sei das insbesondere im Meisterjahr gewesen: Den Cupfinal wie auch die Meisterfeier liess er links liegen und setzte alles auf ein Datum: den 28. April. «Hätte YB nicht gewonnen, so hätte ich den Meistertitel nicht live erlebt», sagt er. Auch der Rückflug war gebucht, doch das Flugzeug hob ohne ihn ab, da er und seine Freunde noch immer den Titel feierten. «Das Gute ist, dass auch alle meine Freunde YB-Fan sind. Zwei Fliegen mit einer Klatsche: Wenn ich heimkomme, sehe ich sie und YB.»
Seoane angeschrien
In Berlin arbeitet Zürcher in einem Plattenladen im gentrifizierten Kreuzberg und wohnt im alternativen Neukölln, einem Berliner Stadtteil, der einwohnermässig so gross wie die ganze Stadt Bern ist. Seine Freundin Marlene hat nichts mit Fussball am Hut, und sieht dennoch jede Partie. «Nie verpasst er einen Match, und ich somit auch nicht», sagt sie. Manchmal müsse man mitten am Nachmittag heim, um Radio Gelb-Schwarz einzuschalten. Immerhin müsse sie seit langem keine schlechten Launen mehr ertragen, da YB einen Lauf hat. Seit drei Jahren wohnen sie dort und wollen nach Bern zurückkommen. Irgendwann.
Noch immer wird Chrigu emotional, wenn er an den Meistertitel denkt. Und eine Szene wird er – und auch die Fernsehkameras – nie vergessen: Gerardo Seoane steht am Spielfeldrand. Verdutzt und enttäuscht lässt er es über sich ergehen, wie Chrigu Zürcher ihm die Siegesfreude ins Gesicht schreit. An dem Tag, an dem Wölfli Geschichte schrieb. An dem so viele Augen schwitzten, wie das der ehemalige Materialwart Henä Minder sagen würde. Der Tag, den viele Grossväter der Zukunft wie eine kaputte Schallplatte immer wieder ihren Enkeln erzählen werden. Vielleicht auch Chrigu, der schon heute sagt: «Das war der Frühling meines Lebens.»
Aerobic im Stadion

Die letzte Partie, die Zürcher live miterlebte, war diejenige gegen den FC Basel im September. Diese Heimpartie bleibt den Bernerinnen und Bernern in bester Erinnerung: Der Sommer zog sich europaweit in die Länge, in Berlin hatte es seit Mai nicht mehr geregnet. Und auch Bern feierte man den mediterranen Sommer. An diesem Sonntag kamen die Berner direkt von der Aare ins Stadion. In Meister-Shirts setzte man sich hinein und erwartete gespannt den Anpfiff.

Alsbald glich das Stadion einer Aerobic-Stunde. Aufstehen, Tor bejubeln, hinsetzen, aufstehen, jubeln, hinsetzen. Die Fankurve unten auf dem Parkett, der D-Balkon, sogar der Sektor C, alle machten mit. «Das gab es früher nie, dass auch die oben mitmachen», freute sich Chrigu. Ganze sieben Mal klatschte er mit seinen Freunden ab. Mit seinem Tipp von 4:1 lag er daneben, aber wer hätte das ahnen können? Sieben Tore fielen an diesem Tag, erzielt von sieben Spielern. «Wir dürfen nicht besoffen nach Hause», sagte er noch in der Pause. Beim Countdown der YB-Viertelstunde grinsten alle vier hämisch und als sie nach Abpfiff die Treppen runterwankten, war klar: YB wird ganz bestimmt auch daheim für Diskussionsstoff sorgen.
*Das Porträt erschien zuerst im YB-MAG.