Gassenarbeit & das Absurde

Die Kirchliche Gassenarbeit kommt auf der Strasse an Leute heran, die von den Behörden nicht erreicht werden. Über 7700 Mal trafen die vier Gassenarbeiter im letzten Jahr auf Personen, die Hilfe brauchten.

Vier Jahre lebte Ändu unter einer Berner Brücke. «Eines Tages kam ein Fremder und half mir. Das war in den 80er-Jahren. Und heute bin ich dank der Gassenarbeit aus dem Gröbsten raus», erzählt er, der seinen ganzen Namen nicht preisgeben möchte.

Ändu ist schüchtern, wirkt verunsichert und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Schwierig sei es, Vertrauen zu schenken, man werde bloss bitter enttäuscht, sagt der 54-Jährige. Neben ihm sitzt Ruedi Löffel, einer von vier Angestellten der Kirchlichen Gassenarbeit, die in der Speichergasse ihr Büro hat – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen EVP-Grossrat. Löffel ist die Ruhe in Person, schaut jedem in die Augen und beobachtet viel.

Die beiden kennen sich schon lange, ungefähr acht Jahre. Leute, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen, nennen die Gassenarbeiter Klienten. Löffel hingegen bezeichnet Ändu als seinen Chef. «Am Donnerstag arbeite ich mit ihm an einem Projekt, von Mann zu Mann», sagt er. Dabei geht es um Aidsprävention. 

Lautes Büro

Der Donnerstagnachmittag ist ein wichtiger Tag für Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf den Gassen der Stadt Bern haben: Dann ist das Büro in der Speichergasse offen. Man kann einen Kaffee trinken, «computern», das Handy aufladen, telefonieren, Ämterkram besprechen. Und es wird Essen von der Schweizer Tafel verteilt.

«Die Solidarität untereinander ist gross. Das Essen wird möglichst fair verteilt. Klientinnen, die keine Sozialhilfe beziehen, kommen bei der Verteilung zuerst», sagt Barbara Kläsi, Geschäftsleiterin der Kirchlichen Gassenarbeit. Zwei Schachteln voll mit Gemüse und Früchten stehen am Fenster. Das Büro ist von aussen unscheinbar, diskret mit einer Milchglasfolie abgeklebt, damit die Leute etwas von jener Privatsphäre haben, die es auf der Gasse nicht gibt.

Innert zwei Stunden kommen ungefähr 80 Personen, mehrheitlich Männer, mit circa 20 Hunden. «Es ist laut», sagt Ändu und grinst ein bisschen. Für heute hat er seine gemeinnützige Arbeit im Wald abgesagt. Noch drei Tage, dann hat er 740 Stunden abgearbeitet. Was er verbrochen hat, weiss nur er – und vielleicht Ruedi Löffel, der diskret schweigt. Schweigen ist eine Aufgabe, die die Gassenarbeiter ernst nehmen. Auch gegenüber der Polizei. Akten werden nicht geführt, alles läuft über den direkten Kontakt zwischen den beiden Menschen, dem Gassenarbeiter und dem Klienten.

Städtisch anonym

Um Vertrauen aufzubauen, sei es hilfreich, lange zu bleiben. Ruedi Löffel ist mit acht Jahren der Dienstälteste, Barbara Kläsi startete wie Eva Gammenthaler vor anderthalb Jahren. Vorletzte Woche wurde das Team mit einer vierten Person verstärkt. Erkennbar sind die Gassenarbeiter an ihren schwarzen Umhängetaschen, in der eine halbe Apotheke Platz findet, inklusive Spritzen, Zigaretten und Gummis. «Wir vertrauen der Gassenarbeit als Institution. Egal, wer kommt», sagt Ändu.

Seit dreissig Jahren existiert die Gassenarbeit, bezahlt werden die 200 Stellenprozente von der reformierten und der katholischen Kirche der Region. Von Burgdorf bis Spiez, alle zahlen ein. «Für Betroffene ist es in der städtischen Anonymität einfacher. Es gibt Angebote, die es auf dem Land nicht gibt. Und entsprechend viele Menschen, die sie nutzen», sagt Barbara Kläsi.

Nicht nur während der offenen Bürostunden – der Dienstagnachmittag ist den Frauen vorbehalten – treffen die Gassenarbeiter auf Leute, sondern vor allem draussen auf der Gasse. Über 7750 Begegnungen mit Klienten verzeichneten sie vergangenes Jahr. Das sind 1100 mehr als im Vorjahr. 1192 Mal trafen sie gar auf neue Gesichter.

«Was uns Sorgen macht, sind die jungen Menschen und Minderjährigen», sagt Kläsi und zeigt im Geschäftsbericht auf eine Zahl: 44 Minderjährige, die von anderen Institutionen nicht erreicht werden. Um jeden Preis wollen sich die Jugendlichen verstecken, seien etwa aus Pflegefamilien rausgeflogen und hätten teils einen starken Mischkonsum verschiedener Substanzen. «Natürlich sieht sie niemand. Sie wissen genau, wie sie sich verstecken müssen.»

Wald besser als Knast

Nicht das Verstecken sei das Problem, sondern das Verdrängen: «Wenn die Leute aus der Innenstadt verdrängt werden, konsumieren sie vermehrt in ihren Wohnungen», sagt Kläsi. Entgegen der landläufigen Meinung seien es nicht nur Drogenabhängige, die auf der Strasse landen. «Viele haben sich für ein anderes Leben entschieden. Oft ist aber eine Sucht dabei», so Kläsi.

In der Alkoholikerszene, die sich vor der Heiliggeistkirche trifft, war auch Ändu. Heute verkehrt er dort nicht mehr. Er wolle der Gesellschaft etwas zurückgeben und engagiert sich in der Gassenküche. «Dreimal in der Woche», erzählt Ändu stolz. Überhaupt ist er froh, wenn er etwas zu tun hat.

«Der Wald ist viel besser als Knast. Bald bin ich fertig, dann möchte ich zwei Tage die Woche in einem Gartenbauprojekt arbeiten», sagt er. Ändu stehe mit beiden Beinen im Leben, sonst könnte er sich all diese Arbeiten gar nicht selbstständig suchen, erzählt Ruedi Löffel später. «Sinnvolle Arbeiten zu niedrigen Prozenten gibt es leider viel zu wenig.»

Zu wenig sind auch die Prozente der Gassenarbeiter, um alle Personen genügend zu versorgen. Und wer betreut die Gassenarbeiter? «Wir thematisieren vieles an unserer Teamsitzung. Es ist wichtig, dass wir unsere Erlebnisse abgleichen können. Oft geschieht auf der Gasse derart Absurdes, dass man es allein nicht fassen kann», so Löffel.

Mit Anbruch der kalten Jahreszeit wird auch das Leben auf der Gasse härter. «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung», sagt Ändu pragmatisch. Im Büro der Gassenarbeit steht ein Schrank mit Kleidern, die die Bedürftigen holen können. Männerkleider, Schuhe, Socken, Schlafsäcke und Matten seien immer Mangelware.

Zwischen 16 und 36 Personen schlafen draussen

Peter Kobi, Koordinator Obdachlosenhilfe der Stadt Bern, stuft die Arbeit der Kirchlichen Gassenarbeit als sehr wertvoll ein. «Bei uns muss für jeden Franken ein Gesuch für Sozialhilfe ausgefüllt werden. Da die Gassenarbeit spendenbasiert ist, ist sie viel freier und kann bei Notfällen in kleinerem Rahmen mit materieller Unterstützung sofort helfen, so Kobi. Regelmässig stehe er in Kontakt mit den Gassenarbeitern, aber auch mit der Heilsarmee, die ein Passantenheim mit 50 Notschlafplätzen und die Passantenhilfe führt. Die Gassenarbeiter sind nicht zu verwechseln mit Pinto, die in roten Jacken ebenfalls auf der Strasse präsent sind. «Wer aber Uniformen aus dem Weg geht, der geht möglicherweise auch Pinto aus dem Weg», sagt Kobi. Ein Unterschied sei, dass die kirchliche Gassenarbeit keine Personalien aufnehme und keine Akten führe, das sei bei der Sozialhilfe natürlich von Gesetzes wegen Pflicht. Aber Kobi betont: «Namen werden selbstverständlich nur mit dem Einverständnis des Klienten aufgenommen.» Im April 2018 reichte Zora Schneider, Stadträtin PdA eine Interpellation ein, die sich um die Obdachlosen dreht. Sie stellt darin zehn Fragen, beispielsweise, wie in der Stadt die Anzahl der Obdachlosen erhoben werde. Man führe eine wochenaktuelle Liste mit Personen, die draussen schlafen, so Kobi. «Das sind zwischen 16 und 36 Personen.» Seit er die Stelle innehat, habe sich die Zahl kontinuierlich erhöht. Damals im Jahr 2010 seien es ungefähr eine Handvoll Personen gewesen. «Wir beknien die Obdachlosen richtiggehend, dass sie sich bei uns anmelden, aber aktenkundig wollen nicht alle sein», sagt er. Zu den 44 Begegnungen mit Minderjährigen sagt er: «Dass wir eine Handvoll Minderjährige in der Stadt haben, kann ich mir vorstellen.» Seit über 30 Jahren ist Kobi im Sozialhilfebereich, nächsten Frühling wird er pensioniert. Derzeit läuft die Suche nach der Nachfolge. «Wenn ich jemanden im Winter auf dem Trottoir sitzen sehe, habe ich immer das Gefühl, ich mache meinen Job nicht richtig», sagt er. Selber könnte er jedoch nicht so anwaltschaftlich mit den Personen umgehen und ist froh, dass dies die Gassenarbeit macht.

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