Nicht nur am Tag der Muttersprache, der am 21. Februar stattfindet, setzt sich eine Gruppe von Menschen für das Berndeutsch ein.
E Gäue, es Gätschi oder es Glürliwasser – wer solche berndeutschen Wörter nicht versteht, meldet sich bei Berndeutsch.ch. Pro Woche werden hier bis 200 Wörter eingegeben, die das Team des Onlinelexikons prüft, ergänzt oder verwirft. Derzeit herrsche ein Wörterstau, weil Werner Landry – die «Seele des Wörterbuchs» – erkrankt sei, berichten die Mitglieder bei einer Sitzung im Côté Sud am Berner Bahnhof. Als Experten und Übersetzer sind Ursula Pinheiro (Lehrbuchautorin), Christine Iselin-Kobler (Ex-Kolumnistin), Marguerite Moser (Berndeutsch-Kursleiterin) und Jakob Salzmann (Korrektor berndeutsche Publikationen) tätig. «Wir sehen uns nicht als Linguisten», sagen sie.
Gegründet wurde die Seite 1999 vom Informatiker Stephan Burkard, zuerst unter dem Namen Gwungerhung. Burkard selber ist kein Berner, sondern ein Solothurner. «Alles begann mit einem Wörterbuch für Kollegen, und ich brauchte als Informatiker damals eine Spielwiese», erklärt er. Er war ein Pionier. Damals gab es noch kein Facebook, wo man heute solche Interessengruppen zuhauf findet.
Dialekt entwickelt sich
Wichtig sei der Gruppe eine gemässigte und gut lesbare Schreibweise. Das heisst: nicht zu viele Äs, sondern eher ‹e Guete› als ‹ä Guätä›. «Die Äs klingen für uns nach Ostschweiz», sagt Jakob Salzmann.
Die Truppe betreibt eine lebendige Sprachpflege und hält nicht am alten Berndeutsch fest, sondern nimmt neuere Wörter wie «foode» auf. «Im Englischen gibt es dieses Verb ja nicht, und wir haben viele kreative Verben», freut sich Iselin-Kobler.
Auch Begriffe aus der Jugendsprache werden aufgenommen, «schliesslich wollen wir dabei zusehen, wie sich der Dialekt weiterentwickelt», sagt Marguerite Moser. Und gibt zu: «Manchmal, wenn ich im Bus Jungen zuhöre, habe ich keine Ahnung, was sie reden.» Alle schmunzeln, weil jeder die Situation schon selber erlebt hat. Bei Christine Iselin-Kobler, die gerade Grossmutter geworden ist, ist daheim der Dialekt ein Thema geworden. Sie sei gespannt, welche berndeutschen Sprachschöpfungen sie bei der nächsten Generation kennen lerne.
Selber gebe sie sich Mühe, mit den Grosskindern ein schönes Berndeutsch zu reden. «Zumindest vermeide ich, von mir in der dritten Person zu sprechen.»
Freiwillige gesucht
Die Gruppe schaut über die Stadtgrenzen hinaus. So fällt im Gespräch der Name des Bieler Rappers Nemo. Wer denn dieser Nemo sei, will Jakob Salzmann wissen. Er kenne vor allem Oli Kehrli, dessen Liederzeilen nicht allen hier am Tisch gefielen.
Salzmann ist auch von Züri West überzeugt: «Das Lied ‹Der Goalie› ist Poesie in ein Lied verpackt.» Alle diskutieren und erklären ihre Vorlieben. Man merkt schnell: Berndeutsch ist keine exakte Wissenschaft. Burkard ist still, zurückgelehnt in seinen Stuhl hört er zu. Auf die Frage, ob er ein Lieblingswort habe, meint er: «Viele kleine, unscheinbare, die man viel braucht.» Als Mundartpäpste, wie man dies der Berndeutsch-Wörterbuchautorin Ruth Bietenhard nachgesagt habe, sehen sie sich nicht. Belehren wollen sie niemanden, lieber erforschen sie, woher ein Wort kommt.
Hans Jürg Zingg liest aus seinem Buch «My Wörtersack».
Bei der Sitzung anwesend ist auch Hans Jürg Zingg, der sein neuestes Buch dabei hat. «Was thematisiert ihr im Blog?», fragt der Autor, und bereits sieht man ihn im Zirkel der Berndeutsch-Fans aufgenommen. Alle arbeiten freiwillig mit. «Wir haben viel Wissen, aber wenig Zeit, und suchen immer wieder Helfer», erklärt Burkard. Auch für ihn als zweifachen Vater ist die Zeit fürs Projekt knapp, ein bis zwei Stunden zwischen der Kinder-Bettzeit und der eigenen Schlafenszeit investiere er.
Dass heute der Tag der Muttersprache stattfindet, wussten sie nicht. Daher sei nichts geplant: «Aber wir werden einige Äs eliminieren», witzelt Salzmann. Und alle lachen. (Berner Zeitung)