Für seinen Klub nimmt der YB-Fan Nik Leuenberger auch mal einen längeren Fanmarsch in Kauf. Wir waren mit dem 42-Jährigen im Sektor D beim Spiel gegen Zürich.
In gelben Stulpen, dazu passenden Schuhen, einer YB-Jacke und Ostkurve-Mütze steht Nik Leuenberger bei der Uhr und wartet auf seine Freunde Iris, Virag, Ray, Oli, Zubi und Angst. Über 20’000 Fans werden heute im Stadion sein und dabei zuschauen, wie die Berner die Zürcher besiegen. Oder der Bär den Löwen bodigen wird, wie es die aktiven YB-Fans auf ihrer Choreo vorausgesehen haben.

Der 42-jährige Leuenberger schaut sich jedes Heimspiel aus dem Sektor D an, ist aber nicht aktiv in einem Fanklub. «Ich unterstütze die Fanklubs natürlich schon. Ich steuere beispielsweise ans Choreokässeli bei», sagt der gebürtige Worber.
YB im Schulzimmer
Seit Kindertagen sei er YB-Fan, infiziert durch Vater Jörg, der den Philipps-Cup mitorganisierte. Sogar an den letzten Meistertitel 1986 erinnert sich Nik Leuenberger, wie sie das Spiel am Radio angehört haben. «Mein Vater hat zur Feier des Tages eine Flasche aufgemacht», erzählt er. Was ihm in bester Erinnerung blieb, war, wie er am Tag nach der Pokalübergabe im Schulzimmer eine YB-Flagge – von seiner Mutter genäht – aufhängen durfte.

Inmitten von Flaggen schaut er sich eben auch die Spiele an. «Solange ich kann, will ich mir die Partien auch stehend ansehen», sagt er. Am heutigen Matchtag sind derart viele Leute im Stade de Suisse, dass ihr angestammter Platz bereits überfüllt ist. Leuenberger und sein Trüppchen sind so spät ins Stadion gekommen, dass die Choreo der Fans bereits vorbei, der Match angepfiffen ist und Roger Assalé die erste Chance vergeben hat.
Bevor Leuenberger und seine Begleitungen ins Publikum tauchen, machen sie einen Stopp an der Bar, wo das Weihnachtsbier ausgeschenkt wird. «Das mag ich nicht», sagt Leuenberger, macht auf dem Absatz kehrt und holt von der nächsten Bar Bier. Mehr Freunde stossen zur Runde dazu, und ihre ersten Fragen ist nur einem Thema gewidmet: Leuenbergers Umzug vom Kirchenfeld ins Liebefeld, ob er die Kisten ausgeräumt habe und sich wohlfühle.
Minimarsch nach Münsingen
Zwar wohnt er nun nicht mehr in der Gemeinde Bern, aber seine Arbeit führt ihn täglich in den Breitenrain. Der gelernte Maurer ist derzeit auf der Migros-Baustelle beim Breitenrainplatz tätig, ab 7 Uhr morgens bis ihn sein Polier Sämu Hirschi – auch ein YB-Anhänger – nicht mehr braucht. Im vergangenen Sommer hat Leuenberger die verkürzte Lehre abgeschlossen, davor war er Hochbauzeichner. «Vor Computern und in Büros zu arbeiten, das ist einfach nicht mein Ding», gibt er zu.

Dass er lieber handwerklich tätig ist, sah man auch am 25. Oktober: Als YB im Cup gegen den FC Münsingen antrat, baute er mit Kollegen einen Leiterwagen in ein Fanmobil um. «Ich habe schon drei Wagen für die Streetparade gebaut, aber keiner hat mich emotional so berührt wie der Leiterwagen», gibt er lachend zu.
Um die Mittagszeit machte er sich mit zehn Freunden in Bern auf den Weg, um die Partie am Abend auf dem Sandreutenen anzusehen. Mit dabei ein fix installierter Grill und natürlich eine vernünftige Menge an Gerstensaft, den sie gegen einen Aufpreis verkauft haben. Den Erlös daraus spenden sie dem Kinderspielplatz Schützenweg. «Von den 192 Büchsen kam keine einzige wieder in Bern an».
Lieblingsspieler mit Assist

Auf die Frage, wie Nik Leuenberger die derzeitige Mannschaft finde, hat er eine klare Antwort: «Früher konnte man es eher verstehen, wenn ein Spieler YB verliess. Heute haben wir eine Mannschaft mit Weltklasse.» Und er ist begeistert von den afrikanischen Spielern. «Sie stehen schnell wieder auf, können einstecken und teilen auch aus», schwärmt Leuenberger. Für die heutige Partie tippt er auf ein 3:0 für die Gelb-Schwarzen. Dass die Berner drei Tore schiessen werden, damit sollte Leuenberger Recht behalten… Jean-Pierre Nsamé macht in der 34. Minute ein Eigentor. Zwei Minuten später kracht es aber auf der anderen Seite des Feldes und es steht 1:1, als der Schiedsrichter zum Pausentee pfeift.
Auch für den Trainer Adi Hütter und den Sportchef Christoph Spycher findet Leuenberger nur lobende Worte. «Wuschu macht einen Superjob. In welcher Saison hätte man einen Ravet verkaufen können und zwei Spiele später vermisst man ihn nicht mehr?», sagt Leuenberger. Und fügt hinzu: «Und Hoarau?» Letztes Jahr, als er ebenfalls verletzt war, sei in jeder Zeitung gestanden, wie man ihn vermisse. Dieses Jahr nicht mehr, das sei ganz klar auf die breit aufgestellte Mannschaft zurückzuführen.
Genau heute wird der Stürmer Guillaume Hoarau nach einer langen Verletzungspause in den Schlussminuten eingewechselt. Das Stadion begrüsst ihn lautstark zurück und diesen Applaus gönnen ihm alle. Es ist dann aber nicht Hoarau, der trifft. Leuenbergers Liebling Mbabu liefert die Vorlage, Assalé lenkt den Ball ins Tor ab und beschert YB drei Punkte. Bei den Fans gibt es kein Halten mehr: In der 84. Minute kommt allen der Treffer gerade recht und die Freudenschreie hört man vielleicht nicht gerade bis nach Zürich, aber bestimmt bis ins Liebefeld, Leuenbergers neuen Wohnort.
*Das Porträt erschien zuerst im YB-Mag.