Seit sie denken kann, ist Eliane Stöckli YB-Fan. Und der Klub ist für die 34-Jährige eine Familienangelegenheit.

«Hinech isch z Rückspiel ir Championsleague Qualifikation gäge Dynamo Kiew: und für YB isch klar – si müesse gwinne – mindischtens mit 2 zu 0. Dä Fäns schwäbt natürlech wider sone Momänt wi letscht Jahr vor: da hetme Schachtar Donezk im Penaltyschiesse us dr Championsleague-Quali gschosse», spricht Eliane Stöckli ins Mikrophon. Es ist die Sportvorschau von RADIO BERN1 am 2. August.
Das Spiel wird die Radiomacherin auch nicht aus dem Studio in der Berner Lorraine verfolgen, sondern aus dem Sektor C12 In den vordersten Balkonreihen hat sie mit ihrem Vater Markus (65) und ihrem Bruder Pascal (32) eine Jahreskarte. Auch ihr jüngster Bruder Thierry ist im Stadion, allerdings im Sektor D auf dem Parkett. Der Vater sei eben auch Schuld, dass alle drei YB-Fan wurden: Er sei, wie schon sein Vater, immer ein Anhänger des BSC Young Boys gewesen. «Deshalb bin ich quasi familienbedingt Fan geworden und muss sagen, in meinen Adern fliesst gelb-schwarzes Blut», so Eliane Stöckli.
Wegen ihrer unregelmässigen Arbeitszeiten – manchmal schon um 4 Uhr morgens – reicht es der 34-Jährigen häufig nicht, um lange vor der Partie auf dem Quartierplatz einzutreffen, wie es viele Fans tun. Auch heute nicht: Zehn Minuten vor Anpfiff ist sie vor Ort. «Aber das hat gereicht, um richtig nervös zu werden», gibt sie zu. Der Abend ist tropisch heiss, und wird noch heisser werden.
Bei ihren früheren Arbeitgebern Canal3 und Radio BeO kommentierte sie auch Fussballspiele, was sie an der Sportschule in Magglingen lernte. Auch heute werde sie teilweise noch dafür angefragt, insbesondere wenn Albi Saner in den Ferien verweile. «Ich lehne immer ab. Mir ist viel wichtiger, dass ich den Match im Stadion geniessen kann», erzählt sie in typisch tiefer Radiostimme.
Heiliger Rasen

Aus der Wankdorf-Ära ist ihr das letzte Unentschieden gegen Lugano geblieben. «Danach durfte man ja alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mitnehmen. Wir sind nach den Ansprachen runter auf den Rasen gegangen und haben mit blossen Händen ein Stück YB-Rasen gelöst», erinnert sie sich. Dieser hat die Familie Stöckli daheim in den eigenen Rasen gepflanzt und mit einem YB-Fähnchen gekennzeichnet. «Heute wissen wir allerdings nicht mehr genau, welches Stück der heilige Rasen ist», erzählt sie und lacht ihr ansteckendes Lachen. Den Namen Wankdorf wünscht sie sich, wie viele andere, zurück. «Ich mache bei der Arbeit auch meine kleine persönliche Rebellion, indem ich die Spiele immer im Stade de Suisse Wankdorf ankünde», sagt sie.
Manchmal macht sie sich Sorgen, dass ihr Papa mal ein «Herzchriesi» macht, wenn er sich weiter so aufregt. «Er flucht wie ein Rohrspatz. Ich bin anders und lasse die Gefühle nicht so raus», beschreibt sie sich selber. Emotionen wird es auch heute geben, aber keine negativen, sondern pure Aufregung. Und heute Abend steht auch wieder mal Marco Wölfli im Tor. «Unser Wolf. Es ist grossartig, dass er im Goal ist. Er hat schon eine starke erste Halbzeit abgeliefert und das wird sicher so weitergehen», sagt sie in der Pause.
Seit dem Bau des Stade de Suisse verfolgt sie die Spiele immer vom gleichen Sitzplatz aus. «Viele sagen ja, dass im Sektor C bornierte Pensionäre seien, die kritisch sind, die Mannschaft nicht tragen und keine Stimmung machen», sagt sie. Das stimme so nicht: «Wir fiebern genauso mit. Und nur weil wir keinen Capo haben, heisst das noch lange nicht, dass wir nicht singen.»
Verschwitzt und kratzig

Für die derzeitige Mannschaft ist sie voll des Lobes: «Wuschu und Co. haben ganze Arbeit geleistet. Die Mannschaft ist ein perfekter Mix zwischen jung, ganz jung und routiniert», sagt sie. Selber spielt sie nicht, aber wenn sie aktiv wäre, sähe sie sich als erstes wie Leo Bertone, mit Druck nach vorne.
YB spielt stark und muss immer wieder vom Kiew-Torwart Zeitverzögerungen und Provokationen hinnehmen. Doch das Karma bestraft ihn zum Schluss, als er den Ball verfehlt, der über die Torlinie kullert. Im Stadion gibt es kein Halten mehr. Alle liegen sich verschwitzt in den Armen, «glücklich, euphorisch und stolz», versucht Stöckli diesen unglaublichen Sieg in Worte zu fassen.
Als Radiofrau hat sie natürlich auch eine Meinung über die Musik, die im Stade de Suisse gespielt wird. «Ich habe noch nie so oft Lieder von Jeans for Jesus gehört. Ich finde es toll, dass YB auf Berner Bands setzt», so Stöckli. Tags darauf kann auch ihr Radio auf sie setzen. «Aber ich brauchte ein bis zwei Anläufe, bis meine Stimme richtig in Fahrt war», gibt sie zu.
* Das Porträt erschien zuerst im YB-Magazin.