Am Wochenende fuhr eine Berner Rennvelogruppe bis nach Paris. Als Jüngster nahm der 13-jährige Sven Hoppler die knapp 600 Kilometer unter die Räder und litt.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht sass Sven Hoppler vor dem Begleitwagen. Der 13-Jährige hatte Krämpfe. Kein Wunder, hat er doch bereits 486 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. Er wollte gemeinsam mit 116 anderen Fahrern, die am Samstag in Oberried zum 24-Stunden-Rennen aufgebrochen sind, nach Paris fahren. Die Tour wurde von Thömus Veloshop organisiert.
«Ich bin fit und hoffe, dass ich es schaffe», sagte Sven Hoppler vor dem Start. Diesen liessen sich seine Eltern nicht entgehen. Mutter Gemma machte Handybilder, Vater Freddy Kleep beobachtete seinen Sohn sichtlich zufrieden.
Zwei Unfälle
Dann ging es los in Richtung Jura. Noch vor dem ersten Verpflegungsposten, den sie nach 153 Kilometern und fünfeinhalb Stunden erreichten, kam es zum ersten Unfall: Zwei Fahrer einer vorderen Gruppe stürzten. Beide wurden verletzt ins Spital gebracht. Das sorgte für Gesprächsstoff, da jede spätere Gruppe die Ambulanz gesehen hatte.
Beim Abendessen wurde Kraft getankt. Das hatten die früheren Gruppen auch getan, es waren nur noch Reservesandwichs übrig. Diese wurden mit Nüssen, Früchten, Nussgipfeln und isotonischen Produkten ergänzt. Hoppler griff zu: «Perfektes Timing, ich habe gerade Hunger bekommen.»

Sein Gruppenchef trat neben ihn: «Du machst das super.» Hoppler bedankte sich und ging zur Tasche, um sich wärmer anzuziehen. Die Dämmerung war hereingebrochen, der Wind hatte aufgefrischt. Alle montierten Lampen sowie Signalwesten und radelten in die Nacht hinein.
120 Kilometer später – es war ein Uhr – gab es Nachtessen. Es war stockdunkel, ab und zu blendeten die Velolampen. Küchenchef Jöggu Mettler kochte Risotto. «Jetzt habe ich richtig gelitten», sagte Hoppler, während er im warmen Car Risotto reinschaufelte.

Er hatte die ersten Krampferscheinungen. «Das Schlimmste sind die Füsse, ich spüre sie kaum noch.» Nicht nur er: Einer aus der Gruppe hatte schon länger Krämpfe und sass nach dem Stopp im Begleitfahrzeug.
Tiefe Temperaturen
Im Morgengrauen erreichte die Gruppe Saint-Florentin. Auf dem Weg dorthin zeigte das Thermometer noch 3 Grad an. «Der Tau von den Gräsern stieg wie Nebel auf. Ich habe sehr gefroren», sagte der bibbernde Hoppler. Während er erzählte, kamen Leute vorbei, gratulierten ihm und fragten, wie es gehe.

Kaum hatte er das Birchermüesli gegessen, legte er sich auf den Beton, eingehüllt in eine Decke. Bald bekam er von den guten Feen des Begleitbusses ein Kissen. Während er schlief, machte Gruppenchef Markus Binggeli Yogaübungen. Eine Stunde durften sie ruhen. Vor ihnen lag die letzte Steigung, bevor es flach nach Paris ging. Quasi die Zielgerade, allerdings noch fast 200 Kilometer.
4500 Kilometer ist Hoppler heuer gefahren, in den Sommerferien jeweils 100 pro Tag. Nach der Schule reiche es nur für 50. Und jetzt hier sind es zwölf solcher Etappen hintereinander. Ohne grosse Pausen, praktisch ohne Schlaf.
So brauchte es nur eine kleine Ablenkung, und Hoppler stürzte. Er blieb kurz liegen, alle kamen angerannt. Zum Glück war es nur ein Kratzer, der nicht einmal mit Pflaster bedeckt werden musste.

Ab 15 Uhr wurden die Häuserzeilen entlang der Strasse dichter. Als sie dann – wie die Fahrer der Tour de France mit Prosecco und Sven Hoppler mit Rimuss anstossend – in Paris einfuhren und um 16.45 Uhr die Ziellinie passierten, waren Krämpfe und Kratzer vergessen. «Es ist unbeschreiblich, wenn man nach so langer Zeit ankommt», sagte er glücklich.
* Die Reportage erschien zuerst in der Berner Zeitung.