Der Biobauer Stefan Brunner, der in Spins bei Aarberg den Eichhof in der 6. Generation führt, hat innovative Ideen. Zum Beispiel Gemüsebestellungen per App oder den Jät-Ferrari.
Wenn Stefan Brunners Handy klingelt, ertönt eine Ländlermelodie. Sein Jät-Disponent ist am Apparat. «Ja, dann geht zu den Quinoa-Beeten jäten», sagt der Biobauer aus Spins (Gemeinde Aarberg). Auf der Hauswand seines Hofes prangert ein Bibelspruch von einem grossen Plakat: «Nehmt einander an, so wie Jesus Christus euch angenommen hat.»
Gleich dort ist auch der Fahrzeugpark der vier Brunner-Kinder, drei Buben und ein Mädchen, die «Prinzessin Rüedu» heisse, weil sie sich gegen die Brüder durchsetzen muss, wie ihr Vater erzählt. Auch eine Pflegetochter wohnt hier, die bereits in der Lehre ist.
Draussen stellt eine der 10 Mitarbeiterinnen des Hofes gerade eine Gemüsebestellung zusammen und der Grossvater Fritz steht in einem Abfallcontainer und drückt mit dem Eigengewicht Müll herunter. «Mein Urgrossvater hat den Betrieb 1871 gegründet und mein Enkel hat ihn 2010 auf Bio umgestellt», erzählt er, während er weiterarbeitet.
Drinnen im Büro ist Brunners Frau Lorena, die es wegen einer Magenschleimhautentzündung ruhig angehen muss, sofern das bei vier Kindern möglich ist. In der Küche erzählt Brunner vom Betrieb, wie er mit Quinoa angefangen hat, nun deren sechs verschiedene Quinoasorten, Amaranth, Olluco, Oca, Yacon, Caniua, Mashua und allerhand Gemüse aus den Anden anbaut. «Es muss einfach immer etwas Neues sein», sagt der 31-Jährige.
Und neue Ideen hat er: zum Beispiel den Jät-Ferrari. Aus einem alten Fahrrad hat er ein Dreirad gebaut und einen Bürostuhl daran festgemacht. «So kann man ohne Rücken- und Knieschmerzen jäten», sagt er. Und fügt an: «Die Idee flog mir einfach so zu. Ich glaube, diese kommen von oben. Ich glaube drum an Gott.»
Einen ehemaligen Lehrling hat er auf das Disponieren der Teams abgestellt, im Sommer fangen noch ein weiterer Lehrling und ein Praktikant an. Die meisten Mitarbeiter des Jät-Team kommen aus Rumänien und sind teilweise seit Jahren hier im Seeland beschäftigt. Deshalb hat Stefan Brunner auch ihre Sprache gelernt, erzählt er in der Küche. Er blickt auf sein Handy: «Oh, ich muss kurz nach der Tochter einer Mitarbeiterin schauen, sie hat Fieber.» Minuten später holt er ein Zäpfli und ist wieder da, am Nachmittag kann die Kleine zum Arzt.
Wir steigen ins Auto und fahren aufs Feld, das er quadratmeterweise verpachtet. Seit Frühling hat er eine Web-Applikation «Bionär» lanciert. Verschiedene Branchenmagazine berichteten davon, allerdings kam es bei der Entwicklung zu Verzögerung.
Nun hat er die Entwicklerfirma gewechselt, die Web-Applikation läuft und die Applikation werde hoffentlich bald kommen, erzählt er. «In der App bestellen Leute aus der Stadt ihr Gemüse, können es hier unter dem Jahr besuchen und dann in der Erntezeit abholen», erklärt er. Zehn Lagersorten bietet er an. Während er erzählt, zieht er Pfälzerrüebli aus dem Boden. Überall spriesst Unkraut, und auch während des Gesprächs kann es Brunner nicht lassen, hier und da zu jäten. «Der Regen lässt einfach alles so schnell wachsen», sagt er.
Vor uns steht Kopfsalat, der schon wieder blüht, den er als Saatgut verkaufen und auch selber einsetzen will. Wir blicken über das Feld, wo das Gemüse für 40 Spitzenrestaurants aus der ganzen Schweiz herkommt, darunter auch das Restaurant Meridiano im Kursaal, die Eisblume in Worb und das Schöngrün beim Zentrum Paul Klee. «Es sind vor allem junge Köche, die sich für unser Gemüse interessieren», erklärt er.
Die Köche hält er mit Fotos auf dem Laufenden, während unserem Spaziergang auf dem Feld zückt er immer wieder das Handy. Wenn etwas reif ist, sendet er Bilder davon in einen Chat und die Köche melden sich, wenn sie das Gemüse kaufen wollen. Unser Blick schweift nach unten in ein orange-rotes Feld, dort ist der Quinoa, teilweise sind die Sorten schon reif und bald werde man dreschen.
Zurück beim Hof besuchen wir das Herzstück: das Beerenfeld. 2015 ist hier alles kaputt gegangen, die Heidelbeersträuche bestehen teilweise nur aus zwei, drei Ästen. Sie haben davor bis zu 12 Tonnen Früchte abgeworfen. «Hier war alles grün und so schön, dass wir Hochzeitsapéros machen konnten. Jetzt sieht es aus wie ein Friedhof», bedauert er. Bis sich die Stauden erholt haben, werde es Jahre dauern. Ein Beet hat er bereits zum Experimentierfeld umfunktioniert, hier wachsen russische Gurken, Papalisa und Speisefarn.
Immer wieder holt er sein Messer raus und schneidet was ab, damit wir probieren können. Brunner selber mag am liebsten rohe Karotten. «Und gekochte Kartoffeln in allen Sorten.» Ob in der Küche der Familie Brunner mehr Gemüse zum Einsatz kommt, als sonst, verneint er lachend. «Meine Kinder mögen Gemüse nicht sehr.»
Wir gehen zu den Gewächshäusern, passieren vorher ein Feld voller Kürbisse, die schon gross sind, aber gigantisch werden. Dort probieren wir Erdbeer-Spinat und jungen Mais, der letztes Jahr oft in den gehobenen Küchen eingesetzt wurde. «Mit den Haaren daran könnte man einen tollen Salat machen», sinniert Brunner.
Während er unzählige Sorten kennt, gibt es auch Gemüse, das er noch nie gesehen hat und selber nicht wüsste, wie man es kocht. «Es ist wie eine Krankheit, ich muss einfach immer was ausprobieren. Was als nächstes kommt, weiss ich nicht. Mal schauen, was das Jahr für Ideen bringt.» Oder welche Eingebungen von oben kommen.
*Der Artikel erschien zuerst in der Berner Zeitung.
