Am Wochenende fand auf der Schützenmatte das vierte Sommerfest der Reitschule statt. Das «No Borders No Nations» war problem-, wenn auch nicht rauchfrei.

Kinder mit Ohrenschutz stampfen über die temporär autofreie Schützenmatte, auf dem Boden sitzen die Eltern, einige mit Rastas, andere mit farbigen Haaren, fast alle schwarz gekleidet, jemand im rosa Plüschgilet. Schweizer Kreuz gibt es hier nur eines, das auf dem Dennersack des Bechersammlers. Noch ist es eine Sitzparty, was sich ändern wird, wenn die «Scorpions des Punkrock» spielen.
400 Freiwillige sind am «No Border No Nations» (NBNN) im Einsatz. Das erzählt Pumba, der mit Sandra am Samstag die Abendleitung innehat. Beide wollen ihre Nachnamen lieber nicht gedruckt sehen und sind stellvertretend für die Reitschule beim Interview im Frauenraum, der zum Backstage für die Bands umfunktioniert wurde.
Das bewilligte Sommerfest der Reitschule findet zum vierten Mal statt. «Die erste Ausgabe stampften wir in fünf Wochen aus dem Boden, heute dauern die Vorbereitungen ein halbes Jahr», sagt Sandra. Es ist 23 Uhr, in elf Stunden wird sie Feierabend machen.
Beschwerden und «Blaue»
Draussen spielt jetzt «Die dritte Wahl» vor vollem Platz, der Gitarrist ist im Bühnengraben. Fans kennen jede Zeile. Bier spritzt. Raketen steigen. Pyros knallen. Rund 50 Personen sind vor Ort für die Sicherheit zuständig. «Wenn einer Pyros zündet, stehen unsere Securitys mit Sandeimer bereit. Schlimmer als Pyros sind aber 1.-August-Raketen. Wir hoffen auf den gesunden Menschenverstand», so Pumba.
Den haben nicht alle. Am Freitag seien einige Personen auf die SBB-Geleise gestiegen. Pumba erzählt: «Unsere Security versuchte, sie einzuholen, aber sie sind auf die Brücke gelaufen. Dann haben wir den Blauen telefoniert.» Und meint damit die Polizei.
Er bezeichnet sich als den «Behördenmenschen», informierte im Vorfeld Anwohner per Mail über den Event, beruhigt Nachbarn, die bei Soundchecks anrufen, und spricht mit der Polizei. «Natürlich gibt es Lärmbeschwerden, wir haben hier ein Open Air mitten in der Stadt, mit fast 10’000 Leuten. Ich habe Verständnis für die Nachbarn», sagt er. Paradoxerweise gebe es an normalen Wochenenden mehr Probleme als beim NBNN, am Freitag wurden zwei Schlägereien gemeldet, am Samstag Streitereien, die man schlichten konnte. Die Polizei ihrerseits bestätigt die Lärmklagen.
Das NBNN unterscheide sich von anderen Open Airs mit dem politischen Aspekt. Dieser wird vor allem bei den Vorträgen gelebt, die im Theater Tojo stattfanden und gut besucht gewesen seien. Beispielsweise wurde über Sozialismus oder die SVP diskutiert. «Wir freuen uns sehr, dass politische Inhalte interessieren», sagt Sandra.
Gesichter und Gummiboote
Das Publikum könnte ob der Musik aufgeheizt sein, aber «Die dritte Wahl» überzeugt mit Punkballaden, eben doch ein bisschen Scorpions. Die Rostocker spielten bereits im Dachstock, im Obergeschoss der Reitschule. Dahinter liegt das «Hotel» für die Bands, wo auf jedem Bett ein gefaltetes Frotteetuch und ein Mineralwasser parat sind. «Die Bands schätzen es, dass sie so lange bleiben dürfen, wie sie wollen», sagt Pumba.
Während des NBNN leitete er eine der Führungen durch die Reitschule. «Wir zeigen alles ausser den WGs», sagt er. Unter den Teilnehmenden seien oft Eltern von jungen Nachtschwärmern und Reitschule-Mitarbeitern. «Es kommen viele Fragen, beispielsweise, wie wir basisdemokratisch entscheiden. Aber das Beste ist, dass die Leute ein Gesicht vor sich haben und nicht die Reitschule als komplexes Zentrum.»
Als Letzte treten zwei von den streitbaren K.I.Z. unter dem Pseudonym «Turntable Hools» auf. Das Testosteron steigt. Raketen auch. Als aus den Boxen «Knallrotes Gummiboot» ertönt, wird aber geschunkelt.
Als Finale steht auf dem Bühnendach ein Maskierter, Fackel in den Händen, was die Besucher zum Zünden der letzten Raketen anstachelt. Um 2 Uhr ist Schluss.
*Die Reportage erschien zuerst in der Berner Zeitung. in der Berner Zeitung.