Beans & Butterflies

tschungel
Der Tropenzoo Papiliorama in Kerzers führt in Belize ein Naturreservat, das so gross ist wie der Schweizer Nationalpark. Ein Besuch mit Caspar Bijleveld, Leiter des Papilioramas, vor Ort.

Big George hat vieles überlebt. Den Bau der Strasse wenige Meter neben ihm. Die illegalen Holzer haben ihn nicht gefunden. Einzig der Orkan Janet, der 1955 durch den Wald fegte, hätte ihm etwas anhaben können, aber er erblickte erst später das Licht der Welt. Heute ist er der älteste Mahagonibaum im Reservat Ship­stern, das in Corozal im Norden des Karibikstaats Belize liegt.

Vor dreissig Jahren, als Big George 30 Zentimeter weniger dick war, engagierte sich Caspar Bijleveld schon hier. Der gebürtige Holländer leitet das Papiliorama in Kerzers im Kanton Freiburg, das hier in Belize das Ship­stern führt. «Manche sind enttäuscht, wenn sie den Wald hier sehen, weil sie tropischen Regenwald erwarten», sagt der 46-Jährige. Doch der Wald ist semitropisch, die Bäume durchleben die Jahreszeiten und verlieren die Blätter, grosse Flächen sind Sumpflandschaft und Mangrovenwälder.

Wilderer unter Kontrolle

Wir stehen mit Bijleveld auf dem Aussichtsturm des Shipstern-Basecamps und blicken über das Blättermeer. Etwa fünf Kilometer von hier entfernt steht Big George. Vor uns schimmert im Abendlicht eine Lagune, wo Krokodile leben, und in den Baumwipfeln wurden Brüllaffen wieder angesiedelt, deren Geschrei man selbst hier im Camp hören kann. In den Baumwipfeln leben Tukane, Papageien plus 300 weitere Vogelarten, und 200 verschiedene Schmetterlinge flattern durch den Wald. Pumas, Ozelots, Jaguare, Jaguarundis und auch Langschwanzkatzen werden sporadisch gesichtet. ­Bijleveld und sein Team beschützen sie alle. «Wilderer und illegales Holzen haben wir dank Pa­trouillen unter Kontrolle», sagt Bijleveld. Die 320 000 Franken Betriebskosten werden mehrheitlich von Spendern des Papilioramas gedeckt.

Mittlerweile haben die Einheimischen das Shipstern akzeptiert, sogar die Regierung anerkennt das Schaffen hier. Mehr als das: Zwei Reservate, die in Staatsbesitz sind, wurden der Shipstern-NGO unter der Corozal Sustainable Future Initiative (CSFI) in die Obhut übergeben. Mit 235 Quadratkilometern hütet Bijleveld eine Fläche, die anderthalbmal so gross ist wie der Schweizerische Nationalpark in Graubünden.

Bei Sonnenuntergang haben Moskitos Hochbetrieb. Nicht so hier oben auf dem Turm, weil der Wind für sie zu stark weht. Bij­leveld reist jedes Jahr hierher und hat so viel Lebenszeit im Shipstern verbracht, dass er nicht einmal mehr auf Mückenstiche reagiert.

Die Erde untertan machen

Seine Sorge gilt aber sowieso nicht den Stechmücken, sondern den Mennoniten. Sein Blick schweift nach rechts, wo die Sonne am Horizont versinkt und wo seit 1958 die Mennonitensiedlung Little Belize liegt. Sie leben ohne Strom, somit ohne Handy und Computer, ohne Maschinen, und die Bibel ist ihr Gesetz. «Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan» – nach diesem Bibelvers leben die 2800 Mennoniten und betreiben Landwirtschaft im grossen Stil.

Jetzt im Februar ist Bohnenernte angesagt, bei der jede erdenkliche Kraft – vom Kind bis zum angeheuerten Belizer – mitarbeitet und von Hand erntet. Auf Bohnen folgt Mais, danach Soja. Die Ernte wird auch nach Europa exportiert.

Damit der Boden das überhaupt prästiert, verwenden sie Düngemittel, Herbizide und Pestizide, die sie in der sogenannten La Bodega einkaufen. «Die von den Mennoniten betriebene Landwirtschaft ist eine echte ­Gefahr für die Natur. Sie mischen Giftcocktails zusammen und überdüngen einfach alles», sagt Bijleveld.

Einmal habe er beobachtet, wie ein Bauer die Pestizide angemischt habe und um das 400-Fache überdosierte. «Als ich ihn fragte, warum er das so mache, kam heraus, dass er keine Ahnung hatte, was er machte», sagt Bijleveld. Landwirtschaftliche Schulungen gibts nicht. Die Einzigen, die mit den Mennoniten redeten, seien die Verkäufer der Pestizide und Düngemittel. Branchenführer wie Syngenta und BASF.

Mit Machete angegriffen

Wir steigen langsam vom Turm herunter, bevor die Dämmerung die Stufen völlig verschluckt. Unten im Camp sind wir nicht ­allein: Ein Schweizer Förster ist da, zwei Zivilschützer, ein Zoologieprofessor der Uni Genf und Maarten Bijleveld, Vater von Caspar und Gründer des Papilio­ramas. Und die Ranger, die nicht gerade auf Patrouille sind, vertreiben sich die Zeit mit Fitnesstraining und Hantelstemmen, begleitet von lauter Popmusik.

Joel Dias, einer dieser sechzehn Ranger, fährt uns tags darauf durch das Reservat. Der 30-Jährige sieht nicht ganz so aus, wie man sich einen Ranger vorstellt: Zwar hat er einen Feldstecher um den Hals, eine Sonnenbrille auf der Nase, pralle Oberarme, und die Socken stecken in den Hosen, damit kein Tier sich in seine Hosenbeine verirren kann. Doch an den Füssen trägt er schicke Nikeschuhe. Er arbeitet seit über zwölf Jahren fürs Ship­stern. Für seinen Job brauche es «pasión y cojones», Leidenschaft und Eier. «Mut, weil es im Wald gefährlich werden kann und weil die Leute uns Ranger hassen, da wir das Gesetz durchsetzen», sagt er. Zwei Narben an seinem Kopf unterstreichen seine Worte, glücklicherweise überlebte er einen Machetenangriff und einen Steinwurf.

Little George als Geschenk

Dias manövriert das Fahrzeug ­geschickt um die Schlaglöcher. Während der ersten halben Stunde führt uns die Strasse durch einen dichten Wald wie an zwei dunkelgrünen Wänden entlang. Kaum sind wir an der Grenze des Shipstern, verwandelt sich der Wald in Steppe. Gerodet, niedergebrannt, um Landwirtschaft zu betreiben. Die Abholzungsrate hat sich im Bezirk Corozal zwischen 2011 und 2015 von 0,6 auf 2,6 Prozent gesteigert, wie eine von der CSFI in Auftrag gegebene Studie zeigt. Monokulturen, so weit das Auge reicht. Hier beginnt die Mennonitensiedlung Little Belize, und plötzlich verstehen wir Bijlevelds Worte vom Vortag besser.

Feuer oder Abholzungsarbeiten sehen wir auf der Fahrt zwar nicht, aber hie und da qualmt es noch. Staub wirbelt auf, als wir Pferdewagen überholen, auf denen Frauen mit grossen Hüten und Blumenkleidern sitzen, die ihren Kindern und Männern gerade Essen auf die Felder bringen. Im Schlepptau haben sie Babys, die noch nicht mit anpacken müssen. Von den Feldern blicken uns blonde Kinder blauäugig und müde entgegen, die dreckigen Füsse in alten Flipflops, ihre Hände sind von Schwielen übersät, wenn sie lachen, sieht man, dass ihnen Zähne fehlen. Wir winken, einige winken zurück, andere verstecken sich hinter den Geschwistern. Erstmals würden auch die Parkbehörden mit den Mennoniten zusammenarbeiten: «Sie haben uns um Hilfe gebeten, weil Jaguare ihre Kälber reissen. Wir haben ihnen Elek­trozäune installiert, die mit Solarstrom betrieben werden», sagt Dias. Ein weiteres Projekt seien Vorträge über IP-Normen der Landwirtschaft.

Dias sieht die Mennoniten nicht als Feinde, sondern als Partner: «Wir wollen sie nicht belehren, sondern informieren. Sie können es nicht besser wissen, wie mit Pestiziden umzugehen ist. Bisher redete ja nur Syngenta mit ihnen, sonst niemand.»

Nach zweieinhalb Stunden Schotterpiste treffen wir in Freshwater Creek ein, wo Ranger dabei sind, junge Mahagonibäume zu pflegen. Im Jahr 2014 wurden 3000 im Park gepflanzt, 2015 5000 und 2016 6500. 10 000 sind das Jahresziel, die restlichen Setzlinge werden an Schulen und Mennoniten verschenkt. «Sie fangen langsam an, an die Zukunft ihrer Kinder zu denken», sagt Dias. Da die Regierung eine Projektdauer von 42 Jahren gesprochen hat, stehen die Über­lebenschancen der Bäumchen gut, sodass auch sie irgendwann zu Big Georges heranwachsen können.

*Die Reportage erschien zuerst in der Berner Zeitung. Die multimediale Story «Beans versus Butterflies» findest du hier (30 Minuten Lesezeit).

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