Yosef & die Kirche

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Für seine gelb-schwarze Leidenschaft lässt der 31-jährige Predigthelfer Yosef Habte auch mal seine Kirchgemeinde beten.

Während die meisten Fans an Sonntagen ausschlafen, brunchen und dann an den YB-Match kommen, war Yosef Habte schon im Gottesdienst und kommt direkt vom Kirchencafé ins Stadion. Der gebürtige Eritreer hat Theologie studiert, arbeitet aber bei der Swisscom und übernimmt als freiwilliger Mitarbeiter sporadisch Gottesdienste in der Evangelisch-methodistischen Kirche Bern in Bümpliz. „Ich möchte das nicht Vollzeit machen, denn so habe ich etwas mehr Narrenfreiheit“, gibt der 31-Jährige zu. Diese kostet er aus und so lässt er die Gemeinde ab und zu für YB beten. „Als ich letzten September einen Zettel mit dem Wunsch für eine Siegesserie in die Gebetsbox legte, schmunzelten so einige“, erklärt er. Aber die Gebete wurden erhört und YB startete zu einer Siegesserie.

DSCF7656Bekanntlich ist der Fussball-Gott nicht immer auf der Seite von YB, wie beispielsweise Mitte Juli, als Habte am Uhrencup in der Tissot-Arena in Biel war, und YB gegen Galatasaray Istanbul 1:1-Unentschieden spielte. Inmitten der Gala-Fans sang er lauthals fürYB, so laut, dass ihn die Gala-Kurve ausbuhte, doch er sang unbeirrt weiter.

„Versteckis“ im Wankdorf

Seine gelb-schwarze Liebe begann, als er ein kleiner Junge war: Habte wuchs neben dem alten Wankdorf auf und oft bekamen er und seine Familie Karten für eine Heimpartie. Das Stadion war aber nicht nur wegen des Fussballspiels wichtig: „Wir haben jeden Nachmittag dort Versteckis gespielt“, erzählt er in breitem Berndeutsch.

Seine Familie flüchtete aus Eritrea, als er ein Jahr alt war. Seither hat er regelmässig das zerrüttete Land besucht, doch „meine Heimat ist Bern“, sagt er. Die Besuche in Eritrea wurden seltener, als er merkte, wie gross die Welt doch ist. Kürzlich besuchte er einen Freund in Hong Kong und vergangenen Sommer reiste er nach Kos, um Flüchtlingen zu helfen.

Einer der 12’000 Trainer

Die Leidenschaft für YB habe beim allerletzten Spiel im alten Wankdorf angefangen, damals war er knapp 15 Jahre alt. Danach war er oft im Neufeld und heute an praktisch jedem Spiel im Stade de Suisse. Seine Pflichten am Sonntag hindern ihn nicht daran, auch die Spiele am Samstagabend zu besuchen. „Mein Motto ist, wer trinken und ausgehen kann, kann auch aufstehen“, sagt er. Wie vielen ist ihm vor allem die Saison 2009/10 in Erinnerung geblieben. „Wosch e guete Namitsch, de geisch iz Stadion“, war damals sein Credo.

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Zurück in die Tissot-Arena: Bei den Spielen schaut er nicht einfach zu, sondern kommentiert die Laufwege („Jetzt Seitenwechsel, Seitenwechsel, Hadergjonaj. Oh, das war zu optimistisch…“), beobachtet den Trainer Adi Hütter („jetzt ist er aufgestanden, das ist gut.“) oder die sich einwärmenden Spieler („Psychologisch schlau, dann gibt der auf dem Feld noch einmal alles.“). „Ich selber spiele kein Fussball, sondern bin mehr der Taktiker und sehe mich als einer der 12’000 Trainer, die es besser wissen“, gibt er zu und lacht.

Gebet zur Winterpause

Die Seitenlinie beobachtet er nicht nur am Uhrencup, sondern auch bei den Heimspielen im Stade de Suisse. „Wir machen Listen, wer ausgewechselt werden wird. Die wird in der Pause verglichen und dann in der 60. Minute muss man die definitiven Namen abgeben“, sagt Habte. Bei Vladimir Petkovic sei immer klar gewesen, wer rausmüsse. Christian Gross, der danach den Trainerposten kurz bekleidete, habe immer zu lange gewartet. „Bei Hütter ist es auch klar, weil er immer das Tor sucht“, so Habte.

In seinen Predigten nimmt er oft seinen Verein als Einstieg. „Wie kann YB verlorene Punkte wieder gut machen, frage ich dann die Gemeinde. Match für Match. Und vergleiche es mit Josua, der 31 Könige besiegte. Natürlich nicht alle auf einmal, sondern einer nach dem anderen“, erklärt er. Wofür er als nächstes beten wird, weiss Habte bereits: „Dass wir in der Winterpause vor dem FC Basel sind.“

* Erschienen im YB-Magazin. 

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