Karaoke & Kapselhotels

Unbenannt

Japan sei ein extrem teures Reiseland , heisst es. Irrtum! Wer die richtigen Angebote nutzt, kann auch mit einem kleinen Budget klarkommen und findet kuriose Nachtlager. Mehr dazu.

Toomasu lässt mich im zartrosa Blütenregen der Yoshino-Kirschbäume stehen. Unter den Bäumen des Mitakaparks liegen zahllose Japaner, auf dem See treiben Schwanenpedalos. Es ist Ende März, die Kirschblüte in Tokio ist fast vorbei und damit auch Hanami, wie die Feste heissen. Japan wird verrückt, sobald die Blüte beginnt. An Wochenenden sitzen sie auf blauen Plastikplanen, säuberlich die Schuhe an den Rand gestellt, und der Alkohol lässt das ansonsten stille Volk laut werden. Toomasu hat selbst eine Hanami-Party veranstaltet: «Ich musste die Nacht vorher im Park schlafen, damit wir Platz haben.» Dabei wohnt er gleich nebenan. Doch der Platz in der 13,5-Millionen-Metropole ist beschränkt.

Toomasu heisst mit westlichem Namen Thomas und ist mein «Couch Surfing»-Gastgeber. Der Australier lebt seit zwölf Jahren in Tokio und arbeitet als Übersetzer. Dennoch findet er Zeit, mir die Nachbarschaft zu zeigen und mich zum Essen zu begleiten. Ich fühle mich wie eine Analphabetin, als er in einen Keller hinuntersteigt und uns in ein überfülltes Isakaya, ein billiges Restaurant, führt. Hier arbeiten Studenten, erzählt mir Thomas, weshalb die Preise moderat sind. Von der Decke hängen künstliche Kirschblüten, hinter der Bar hantieren Köche, und jeder eintretende Gast wird von den Angestellten mit einem lauten «Irasshaimase» begrüsst.

Das Lokal ist im Stil der 40er-Jahre ­gehalten, als Japan im Krieg war, und so isst man hier die Speisen der Kriegsjahre. Zum Beispiel fermentierte Sojabohnen, die Fäden wie Fondue ziehen. Das klingt unappetitlich, aber es schmeckt. Dazu gibt es Innereien vom Tintenfisch, Yakitori (Grillspiesse), rohes Pouletfleisch und natürlich Reis. Frittierte Brotränder mit Zimt und Pflaumenwein sind unser Dessert.

Essen aus der Box

Tags darauf verlasse ich Tokio: Ich tausche den Japan-Rail-Pass am Bahnhof ein und kaufe eine Bento-Box. Da die Japaner viel unterwegs sind, gibt es diese Boxen überall zu kaufen. Die Häppchen sind in kleine Abteile aufgeteilt, bis zur Perfektion dekoriert und ein kulinarisch kurzweiliges Frühstück. Der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen bringt mich innert vier Stunden ins über 650 Kilometer entfernte Hiroshima. Im properen Abteil sitzen hauptsächlich Japaner, die meisten im Anzug. Es ist still, viele dösen auf den blauen Sitzen, andere sprechen leise und essen. Am Fenster zieht eine schier endlose Stadt vorbei, die nach einer Weile auch bei mir eine einschläfernde Wirkung zeigt.

In Hiroshima beziehe ich mein Etagenbett im Hostel. Die Betten sind mit einem Vorhang ausgestattet, sodass jeder unbeobachtet schlafen kann. Während es in einem Schweizer Hostel für 20 Franken gerade mal ein Bett gibt, nächtigt man in Japan fürs gleiche Geld etwas ­luxuriöser: mit Frotteetüchern, Shampoo, Conditioner, Ohrenstäbchen, Abschminktüchern und literweise Grüntee.

Abends finde ich um die Ecke eine enge Strasse mit unzähligen kleinen Restaurants. June, der Koch, hat Feierabend, wie das Bier vor ihm vermuten lässt, doch er serviert gebratene Crevetten und Zunge mit Salat. Sein Restaurant hat acht Plätze, und so kommt man in Kontakt. Ein Wörterbuch hilft, um wenigstens Berufe und Status zu erfahren.

Nudeln zum Sonnenaufgang

Einige Stunden später will June schlies­sen und erklärt: «Ich bin eben auch DJ.» Das lasse ich mir nicht entgehen, Minuten später sitzen wir im Taxi und fahren in den Club. Dort wird er von allen begrüsst, und als er hinter dem DJ-Pult steht, ist keiner mehr zu halten. Gegen den Morgen hin verspüre ich Lust auf einen Kebab, und wenige Minuten später sitzen wir in einem voll besetzten Restaurant vor dem japanischen Äquivalent: Ramen, eine salzige Weizennudelsuppe. Alle beugen sich über die Schüssel und ziehen schlürfend die Nudeln ein, während draussen die Sonne aufgeht.

Hiroshima ist für seine Küche bekannt: Ich öffne eine Tür, von der ich ­annehme, dass sie zu einem Restaurant führt. Drinnen steht schon die Köchin und grüsst in passablem Englisch. Als sie erfährt, dass es für mich das erste Okonamiyaki – gebratene Nudeln mit Eiern – ist, erklärt sie jeden Arbeitsschritt und benennt jede Zutat. Sie brät alles vor mir auf der Grillplatte, schiebt mir mit ­einem «Itadakimasu» den Teller zu. Ausnahmsweise wird nicht mit Stäbchen gegessen, man zerkleinert das Essen mit ­einem Spachtel zu mundgerechten Stücken.

Die Reise geht weiter nach Kyoto. Rund 1400 Tempel und 700 Shinto-Schreine gibt es in der kulturellen Hauptstadt zu erkunden. In der Nähe liegen die Städte Osaka, Nara und Kobe, die ebenfalls viel Spannendes zu bieten haben. So mache ich Kyoto zu meiner Basis und gönne mir ein Ryokan, ein traditionelles japanisches Haus. Fast bin ich froh, hier nur eine Nacht gebucht zu ­haben. Durch die papierdünnen Wände hört man jedes Geräusch. Ich ziehe in ein Hostel um, wo man für etwas mehr als 25 Franken einen dicken Futon, zehn Zimmerbewohner und trotzdem viel Ruhe bekommt.

Innert 15 Minuten kommt man von Kyoto mit dem Shinkansen ins rund 50 Kilometer entfernte Osaka: Die drittgrösste Stadt Japans hat anderthalb Millionen Einwohner und bildet mit den Städten Kobe und Kyoto eines der grössten Ballungsgebiete der Welt, wo geschätzte 15 Millionen Menschen leben. Abends wird die ehemalige Hauptstadt zu einem Neoncanyon: grelle Lichter, überdimensionale Werbedisplays, übervolle Strassen, blinkende Asahi-Bierwerbung und neonfarbene Manga-Zeichnungen.

Auf der Hikkake-Bashi-Brücke stehen junge Männer, die Mädchen ansprechen und sie auf einen Tee oder auch mehr einladen. So starten viele die Nacht im Vergnügungsviertel Dotonbori. «Das Ansprechen nennen wir Hikkake», erklärt Eri Togawa, eine Japanerin, die selber viel reist.

Osakas Nachtleben kennt man über die Stadtgrenzen hinaus, und so kommt auch die 30-Jährige aus Nara oft hierher. Hier geht man in Bars mit Livemusik oder in Flatrate-Clubs, wo man mit dem Eintritt auch alle Getränke bezahlt. Gegen zwei Uhr morgens wird der Club voll. Auch die Nachtschwärmer, von ­denen sich viele mit Shochu, einem Süsskartoffelschnaps, Tanzfähigkeiten antrinken. Auch die Frauen kennen kein Pardon und prosten mir torkelnd mit «Kampai» zu.

Schlafen in der Kapsel

Der Shinkansen bringt mich zurück an den Start, nach Tokio. Ich wohne in einem Kapselhotel. Der Name ist Programm: Viel Platz hat man in der Kapsel nicht, ein durchschnittlicher Europäer findet nur in der Embryostellung Ruhe, und den Koffer nimmt man mit ins Bett.

In der Hauptstadt könnte man einen Monat mit Sightseeing verbringen. Und richtig viel Geld loswerden: Der Aussichtsturm Skytree kostet gleich viel wie der Eiffelturm, und nicht einmal in Paris gibt es so viele Michelin-Sterne-Lokale wie hier. Wer in einem renommierten Sushi-Restaurant speisen will, muss Monate vorher buchen.

Frischer gibts Sushi und Sashimi auf dem grössten Fischmarkt der Welt, den viele Touristen morgens für die Thunfischauktion besuchen. Wer um vier Uhr noch keinen Fischgeruch verträgt, kommt gegen Mittag. In den Ständen neben dem Markt ist noch immer Fisch da, und empfehlenswert ist ein Sashimi mit zehn Fischsorten auf Reis. Von dieser Auswahl kann ein Binnenland wie die Schweiz nur träumen, wie auch von den Preisen: Rund 15 Franken kostet es.

Durch den Stadtteil Shinjuku fliesst ein nie enden wollender Menschenstrom, und abends färben die Leucht­reklamen und die Riesenbildschirme die Strassen ein. Beim East Exit muss ich raus, dann links und immer dem Essensgeruch nach. Plötzlich ist die Hektik weg, und ich finde mich in einem Markt mit kleinen Restaurants wieder. Rauch hängt in den Gässchen; überall wird grilliert und Sushi frisch gerollt. Ich setze mich in ein Lokal, obwohl der Wirt komisch dreinblickt. Nach einem «Sumimasen, darf ich hier sitzen?» wird sein Blick aber gutherzig, und am Schluss bietet er gar Walfisch-Sashimi an. Dies geht aber zu weit, ich deute auf meinen vollen Bauch.

Karaoke mit Volksliedern

Viele Japaner und auch viele hier lebende Ausländer haben beim Ausgehviertel Roppongi gemischte Gefühle, weil es voller Gaijins (Ausländer) ist. Doch einmal muss man es erlebt haben. Die Clubs sind teuer, dafür gibt es Musik bis zum Frühstück. Ich treffe einen Australier und einen Japaner, die Karaoke singen wollen. Wir fragen zwei Japanerinnen, ob sie uns begleiten. Sofort fangen sie an zu hüpfen und sind hell begeistert.

Für Karaoke bucht man an der Réception ein Zimmer. Darin befindet sich aber kein Bett, sondern Fernseher, Mikrofone, Instrumente – und es kann losgehen. Unsere japanische Begleitung singt für uns ihre Volkslieder, die Frauen stehen barfuss auf den Sofas und treffen keinen Ton. Auch westliche Lieder sind im Angebot: Die Japanerinnen schrecken nicht davor zurück, Englisch zu singen. Nach «Yellow Submarine» kehre ich zurück ins Hotel, krieche in die Kapsel und träume von der Kirschblüte, von Sashimi und von neonfarbenen Städten.

Erschienen im Juli 2014 im Tagesanzeiger und Bund. 

>>> Zum ganzen Artikel auf derbund.ch

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