Belgrad & die Hässlichkeit

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Belgrad steht bei den meisten Touristen nicht auf der Wunschliste der Destinationen. Dies, obwohl Serbiens Hauptstadt mit sozialistischem Charme und einer farbigen Gastro- und Partyszene aufwartet.

Popcorngeruch liegt in der Luft, und die Sonne lockt die Leute reihenweise in den Kalemegdan-Park. Alle Parkbänke sind besetzt, und die Menschen geniessen mit dem gepoppten Mais und einem Bier die Wärme und die prächtige Aussicht: Unterhalb des Parks mündet der Fluss Sava in die Donau. In der Ferne liegt das Naturschutzgebiet Grosse Kriegsinsel. Links blickt man auf das neue Belgrad – Novi Beograd –, ein Viertel aus der Tito-Ära.

Im Dunst ragt der Genex-Turm 115 Meter in die Höhe. Er fällt nebst der Grösse auch wegen seines brutalistischen Stils auf und ist das zweithöchste Gebäude in Belgrad. Überragt wird er nur vom 137 Meter hohen Ušce-Turm, der neben der gleichnamigen Shoppingmall vorne bei der Flussmündung steht.Gerade wegen der günstigen geografischen Lage war die serbische Hauptstadt ein umkämpfter Ort und erlebte in der 7000-jährigen Siedlungsgeschichte zahlreiche Eroberungen durch Völker wie die Römer, Kelten und Habsburger. Sie tauften Belgrad jeweils um: Heute wird es Beograd – die weisse Stadt – genannt. Nach der Unabhängigkeit setzte die Industrialisierung ein: Die erste Glühbirne leuchtete 1882, 1884 fuhr am Bahnhof der erste Zug ab, das erste Telefon klingelte 1890, und Kino gab es ab 1896.

Touristen und Leere

Verlässt man den Kalemegdan-Park, gelangt man in die Fussgängerzone Knez Mihailova. Diese sieht wie andere in Europa aus, internationale Modehäuser und Sportartikelläden sind vertreten. Die Flaniermeile unterscheidet sich jedoch in zwei Punkten: Kamerabehängte Touristen sieht man selten. Vor allem Einheimische vertreten sich hier die Füsse. Der zweite Unterschied ist, dass auf der Länge von einem Kilometer zahlreiche Gebäude leer stehen, mit eingeschlagenen Scheiben und verschmiert. Leer stehend heisst in Beograd nicht brach liegend: Die Einheimischen nutzen die Fläche vor den verlassenen Gebäuden für Freiluftshopping und stellen Gemälde aus; ältere Frauen halten selber gehäkelte Tischdecken in die Höhe, Souvenirflaggen wehen im Wind. Die Moderne ist meist nur einen Schritt entfernt. Mitten im Zentrum klafft ein Loch, mit einer Wand vor neugierigen Blicken geschützt. Dahinter wird kräftig gebaut.

Im Ersten Weltkrieg waren grosse Teile der Stadt zerstört worden, und der Zweite Weltkrieg kostete rund 17’000 Menschen das Leben; von 20’000 Häusern wurde knapp die Hälfte zerstört, danach wurde die Stadt von Deutschland okkupiert. Im 20. Jahrhundert erlebte Belgrad drei Bombardierungen, die letzte, 1999 durch die Nato, dauerte 76 Tage. Das erklärt auch das Stadtbild, wo geschichtsträchtige Häuser neben modernen Bauten stehen. Mit rund 1,7 Millionen Einwohnern ist Belgrad nach Wien und Budapest die drittgrösste Stadt an der Donau.

Auf dem Trg Republike – von Einheimischen schlicht «der Platz» genannt – steht eine Reiterstatue. Hier treffen sich die Belgrader, abgemacht wird beim «kod konja», beim Pferd. Vom Trg hat man Ausblick auf das für Umbauarbeiten geschlossene Nationalmuseum und das Nationaltheater.

Ein Café namens Fragezeichen

Was beim Flanieren nicht fehlen darf, sind Cafés, hier «kafanas» genannt. Das älteste hat eine 190-jährige Geschichte. Früher trug es den Namen Zur Kathedrale, was von den Kirchenbehörden nicht goutiert wurde, und so hängte der damalige Besitzer als Übergangslösung ein Schild mit einem Fragezeichen auf, das geblieben ist. Bis in die 80er-Jahre waren «kafanas» die einzige Möglichkeit auszugehen. In diesen Tavernen wird vor allem auf Getränke gesetzt. Früher hatte jede Partei und jede Berufsgruppe ihr eigenes Lokal; in der Blütezeit soll es ein «kafana» pro 22 Einwohner gegeben haben. Heute ist ihre Zahl viel kleiner.

Für lokale Spezialitäten geht man am besten ins Bohemeviertel Skadarlija, wo man sich wie im Pariser Montmartre fühlt. Die Küche ist fleischlastig: Cevapcici (gegrillte Hackfleischröllchen), Ražnjici (Spiesse) und Kobasice (Würste). Besonders Hungrige bestellen ein «Mešano meso», wo alles auf einem Teller vereint ist.

Sushi in Rauchschwaden

Auch die internationale Küche ist gut vertreten. Das Lokal Supermarket etwa überzeugt mit seinem Hybridkonzept: Rechts gibts einen hippen Kleiderladen, links wird inmitten eines Nahrungsmittelladens gespeist und getrunken, während ein DJ Musik auflegt. Das Lokal ist beliebt, auch bei den wenigen Touristen. Das Menü im Supermarket listet auf 30 Seiten Speisen von rund um den Globus auf, von Sushi bis Bagels.

Für Westeuropäer irritierend ist, dass man überall rauchen darf. Selbst in schicken Restaurants wird gepafft, ohne speziell gekennzeichnete Raucherbereiche. Ungewohnt ist, sich im blauen Dunst einen guten Appetit zu wünschen. Gerade 24 Stunden dauerte es, bis sich die Autorin dieser Zeilen – seit kurzem Ex-Raucherin – wieder eine Packung Zigaretten kaufte. Auch in den lauten Bars wird ununterbrochen geraucht und ebenso viel getrunken. Ausprobieren sollte man den Pflaumenschnaps Slibowitz oder ein lokales Bier wie Jelen. «Ziveli», Prost! Am Ende der Fussgängerzone ist der Platz Terazije und das 1936 wieder erbaute Hotel Moskau. Aus der Marmorhalle dringen Klaviermelodien, und Kronleuchter versetzen den Betrachter in die Vergangenheit. Geht man die Strasse neben dem Hotel hinunter, verlässt man das Zentrum. Hier ist das Sava-Quartier mit vielen alternativen Lokalen, etwa dem Mikser-Haus.

Sommernächte am Fluss

Die sozialistischen Bauten haben ihren ganz eigenen Charme, grau in grau türmen sie sich in den Himmel auf. Das Grau wird ab und zu durch flächendeckende Graffiti gebrochen. Beim Schlendern entdecken wir auch einen Künstler, der bei helllichtem Tag sein Werk vollendet. Weil sie nicht in Nacht-und-Nebel-Aktionen entstanden sind, kann man auf vielen Wänden wahre Kunstwerke bewundern. Die Strassenkunst fällt auch in Stari Grad und im Park beim Museum für zeitgenössische Kunst auf.Genau zu diesem wollen wir, doch die Türen sind wegen Umbaus geschlossen. Ein Blick ins Innere verrät, dass hier lange keine Besucher mehr waren. Drinnen hängen kaputte Rollladen herunter, und von Baugerüsten oder Werkzeugen ist nichts zu entdecken. Seit Jahren ist das Museum zu. Einige Umbauarbeiten sind zwar abgeschlossen; bis es wieder eröffnet wird, dürfte es aber noch dauern.

Langweilig wird es dennoch nicht: Gleich hinter dem Museum führt ein Weg den Fluss entlang, auf dem man bis nach Zemun spazieren kann, das bekannt ist für seine Fischrestaurants. Oder einfach so lange, bis der Hunger einen in eines der schwimmenden Restaurants treibt. Im Frühling muss man allerdings ausdauernd sein, denn in der ersten halben Stunde kommt man an halb im Fluss versunkenen Lokalen mit defekten Zugangsstegen und schief liegenden Brettern vorbei. «Nach dem Winter wird jeweils alles wieder aufgebaut», erklärt ein Serbe, der in der Schweiz wohnt und auf Besuch ist. Nicht alle hätten das Geld, um ihre Boote wieder in Betrieb zu nehmen. Ihn treffen wir in einem der instand gestellten Restaurants, deren Tische wegen der noch fehlenden Konkurrenz gut ausgelastet sind.

Nicht fein, aber charmant

Nicht nur zu Fuss, auch mit dem Velo ist der Donauuferweg ein Vergnügen. Am Besten fährt man rund sieben Kilometer in Richtung der Ada Ciganlija, der Zigeunerinsel. Im Sommer verlagert sich das Leben an die Flussufer: Hier wird gebadet, gefischt und abends getanzt. Bekannt ist Belgrad für sein pulsierendes Nachtleben. Die schwimmenden Clubs, Splavovi genannt, säumen die Ufer der Donau und der Sava. Viele sind nur im Sommer in Betrieb, und es gibt verschiedene Kategorien: Bei Ada Ciganlija befinden sich zahlreiche Bars; das Partyvolk steuert die neue Belgradpromenade am Sava-Fluss an. Wer beim Tanzen Schwindelgefühle bekommt, sollte bedenken, dass diese nicht nur vom Bier, sondern auch von den Wellen unter dem Boot kommen.

Le Corbusier soll gesagt haben: «Belgrad ist die hässlichste Stadt der Welt am schönsten Ort der Welt.» Er hat recht. Die Stadt ist nicht piekfein saniert, doch sie versprüht mit ihrem Stadtbild und den Bewohnern Charme. Auch oder weil die weisse Stadt noch nicht auf dem Radar der Cityhopper ist, geniesst der Besucher eine authentische Stadt praktisch für sich alleine.

Der Artikel ist im September 2013 im Tagesanzeiger und Bund erschienen. 

>>> Zum Artikel auf tagi.ch

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