Städtehüpfen

Drei europäische Hauptstädte in drei Tagen zu erkunden, ist das möglich? Ja, aber nach fast 4400 Kilometer, 700 Fotos und 72 Stunden in Bewegung ist die Reisende völlig übersättigt. Ein Selbstversuch.

Mittwoch in Basel: Zugfahrten in der Schweiz dauern selten länger als ein, zwei Stunden; falls doch, hat man die Landesgrenzen hinter sich gelassen. Diese Zugfahrt hingegen wird eine ganze Nacht und den halben Vormittag dauern. Nach der Abfahrt stellt sich ein Gefühl der Euphorie ein: Der City-Night-Line-Zug fährt hinein in die dunkle Nacht, raus aus der Schweiz, rein nach Deutschland, rein nach Europa, rein ins Vergnügen.

Die Euphorie ist jedoch von kurzer Dauer: «Unser Speisewagen ist leider kaputt»,  hört man den Zugbegleiter auf dem Gang zu einem Passagier sagen. Unverständliches Gemurmel. «Ich weiss, es tut mir leid», hört man. Dann entfernen sich die Schritte. Meine Hoffnung, soziale Kontakte zu knüpfen, ist dahin. Ich bleibe im «Zimmer», einem Einzelabteil, stelle mir die Reise vor und lese über Kopenhagen.

Eine Nachtzugfahrt ist fast wie Ausschlafen zu Hause, mit Ausnahme des Weckdienstes und der Kaffeelieferung. Normalerweise gibt es diese Rucks, bei denen man ständig aufwacht und sich fragt: Sind wir da? Wo bin ich? Hatten wir einen Unfall? Viele Touristen reisen aus diesem Grund nicht mit dem Nachtzug. Andere meiden ihn wegen unheimlichen Mitreisenden, schnarchenden Bettnachbarn oder schlicht, weil das Bett zu kurz ist – mit meinen 156 Zentimeter passe ich genau hinein.

Alle paar Minuten flitzt ein deutscher Bahnhof am Fenster vorbei. Lichter, die mein Abteil für kurze Zeit in eine Disco verwandeln, wieder Dunkelheit, wieder Lichter, solange, bis ich auf meinem Reiseführer einschlafe.

Donnerstag in Kopenhagen. Ich steuere direkt den Vergnügungspark Tivoli an. Ein Mädchen im pinken Skianzug beisst in einen knallroten, karamellisierten Apfel und zupft am Weihnachtsbaum. Es riecht nach gebrannten Mandeln, ein altes Karussell dreht leer seine Runden. Bis auf warm eingepackte Kinder und ihre Eltern ist niemand da. Der 1845 eröffnete Park hat Retro-Charme. In der Vorweihnachtszeit erstrahlt er in festlicher Dekoration, und abends leuchten nicht nur die Augen der Kinder.

Ich verlasse den Tivoli, spaziere am Rathaus und an einer Statue des Märchenschreibers Hans Christian Andersen vorbei,  hinein in die Fussgängerzone zum neuen Hafen. Ein Restaurant reiht sich ans nächste. Hier ziehen sich Touristen im Sommer gegenseitig die Stühle unter dem Hintern weg, weil der Platz himmlisch ist. Heute ist niemand da, es ist November, kalt,  grau, und der Tag will nicht anbrechen. Mein Spaziergang bringt mich zum Schauspielhaus, zurück in die Innenstadt ins Museum Ny Carlsberg Glyptotek und hinein in ein Restaurant, um die dänische Spezialität Smørrebrød zu essen. Draussen wird es dunkel. Es ist 16 Uhr und somit schon fast Zeit, zurück zum Bahnhof zu gehen. Zuvor hole ich mir im Tivoli bei einer kalten Karussellfahrt und tanzendem Lichtermeer einen schwindligen Kopf. Bei der Zugabfahrt schaue ich nicht einmal reumütig aus dem Fenster, sondern in den Reiseführer der nächsten Stadt.

Freitag in Amsterdam. Der Speisewagen ist wieder «defekt», dafür gibt es eine Dusche. Schon mal während einer Zugfahrt geduscht? Es ist ein komisches Gefühl, weil man ohne Fenster orientierungslos in der Duschbox hin und her wankt. Ich komme mit einer Beule am Kopf davon. Bei der Ankunft in Amsterdam am nächsten Morgen regnet es, der Himmel ist grau und die Stadt so verschlafen wie ich. Beim Schlendern versuche ich mich an frühere Reisen nach «A’dam» zu erinnern, was schwerfällt. Dieses Mal soll es kultivierter werden: Nach dem übervollen Van-Gogh-Museum stehe ich in einer langen Warteschlange vor dem Anne-Frank-Haus. Ich halte durch. Danach verliere ich die Orientierung in den Grachten und lasse mich treiben. Auf dem kulinarischen Programm stehen Kroketten – frittierte, fettige Dinger – gefüllt mit Kartoffeln, Fleisch und manchmal Erdnüssen. Nicht jedermanns, aber total mein Gusto.

Später am Abend sitze ich auf einer Terrasse, trinke ein Heineken und betrachte die sich in der Gracht reflektierenden Lichter. Welch eine Wohltat, ausnahmsweise nicht in Bewegung zu sein. Einfach nur dasitzen. Den ganzen Tag unterwegs zu sein, ohne die Möglichkeit, sich im Hotelzimmer kurz auszuruhen, lediglich zum Essen für eine kurze Zeit zu verweilen,  stört mich nicht. Noch nicht.

Zurück am Bahnhof treffe ich im Sechserabteil eine Bernerin und wir unterhalten uns bis Mitternacht. Alle anderen schlafen; ein längeres Gespräch wäre asozial. Wieder fehlt der Speisewagen und damit ein Ort der Begegnung. Die Dusche sei den Einzelabteilen vorbehalten, weist mich ein Schaffner zurecht, als ich mich mit Handtuch und Shampoo an ihm vorbeischleiche. Später gehe ich zu ihm, da er auch der Chef der Minibar ist. Als ich bestelle, sagt er: «Wenn Sie sich beeilen, ist die Dusche jetzt frei.» Dank je wel, holder Schaffner.

Samstag in Berlin. An Bahnhöfen halten sich Leute zu jeder Tages- und Nachtzeit auf, doch ausserhalb dieses Gebäudes ist um 4.30 Uhr noch niemand wach, nicht einmal in Berlin. Lediglich patrouillierende Polizisten, Sicherheitsleute mit Hunden und ich. Am Kurfürstendamm bei einem ausgiebigen Spaziergang tagt es langsam. Auf dem Programm steht der Reichstag, zu dem ich keinen Zutritt erhalte, weil man sich online hätte anmelden müssen. Ich zottle mit hängendem Kopf ab, durch den Park zum Brandenburger Tor, das schon von Touristen belagert ist.

Nächstes Ziel: Fernsehturm. Um die Grösse einer Stadt einzuschätzen sind Aussichtstürme hervorragend. Anstehen, warten, Ticket kaufen, anstehen, warten, hochfahren, drängeln, rausblicken, anstehen, warten, runterfahren, erledigt. Die alternative Seite von Berlin lernt man im Scheunenviertel kennen, wo Graffiti jeden Zentimeter der Wände bedecken. Am Nachmittag stehe ich mir die Beine in den Bauch, um am Konnopkes Imbiss die beste Currywurst der Stadt zu essen. Am Nebentisch fragt eine Schweizerin ihre Begleitung: «Eigentlich müsste ich das Ketchup zur Seite schieben, um zu wissen, ob die Wurst gut ist.» Ich mampfe meine genüsslich. Ungesund, billig, eine Wurst halt, erledigt. Gut!

Eine Stadt wie Berlin in 16 Stunden zu erkunden, ist anstrengend, auch wenn man mit der Metro fährt. All die Eindrücke übersteigen das Fassungsvermögen, als ich an den Bahnhof zurückkehre.

Sonntag zurück in die Schweiz. Eine weitere Stadt zu besuchen, wäre zu viel des Guten, und froh besteige ich den Nachtzug Richtung Basel. Eine Deutsche und zwei Schweizerinnen reisen mit. Im Schlafabteil macht ein Zwei-Euro-Bordeaux die Runde. Der Schaffner versorgt uns mit Plastikgläsern, einem Blumenstrauss aus Papierservietten und Räubergeschichten aus dem Nachtzug.  Zufrieden sinke ich in den Schlaf, der nicht nur wegen des Weins tief ist. Unruhige Träume von einem geplatzten Museumsbesuch in Kopenhagen, einer feuchten Bootsfahrt in den Grachten Amsterdams und einem Berliner Sprayer mit schiefen Zähnen begleiten mich durch die Nacht. Ist ein einziger Tag an einem Ort besser als keiner? Soll man an Orte zurückkehren, oder ist das Leben zu kurz? Mit dem Reisen ist es wie mit Büchern: Ein ganzes Leben reicht nicht aus, sie alle zu lesen.

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