Kroatien ist für seine Inseln und Küsten bekannt. Doch auch die Hauptstadt ist eine Reise wert. Sie bietet neben geschichtsträchtiger Vergangenheit beeindruckende Kaffeekultur.
«Bog», grüsst der Kellner, kaum hat man sich im Café niedergelassen. Hoch motiviert wartet er auf die Bestellung. Danach flitzt er an einem weiteren Dutzend Tischen vorbei und schreibt sich keine der Bestellungen auf. Wenig später beweist er sein Können. Für Ungeübte wäre bereits das Beladen des Tabletts eine Herausforderung gewesen, denn die vollen Kaffeetassen sind gleich doppelstöckig gestapelt. Ganz zu schweigen vom Balanceakt, jedem Gast das richtige Getränk zu bringen, ohne einen Tropfen «Kava» zu verschütten. Ein Meister seines Metiers.
Das müssen die Kellner in Zagreb sein. Hier wird ganztags Kaffee – stark wie in Italien – getrunken. Am Samstagmorgen bekommt die Kaffeekultur eine besondere Bedeutung. Die Einheimischen zelebrieren es unter dem Namen «špica». Vor dem Einkaufen und nach dem Einkaufen sind die Cafés unter andern in der Strasse Tkal?i?eva, wo sich eine Kaffeebar an die andere reiht, besonders voll.
Des Öftern verschwinden die Zagreb?ani, um bald mit einem Sandwich oder einem Take-away-Menü zurückzukehren. Der westeuropäische Gast wartet vergeblich auf die Intervention des Kellners. Viele spazieren auch ungeniert mit etwas Essbarem in Bars oder Cafés und bestellen ein Getränk dazu. Kein Wunder, ist im Angebot oft nur Flüssiges zu finden und nicht einmal etwas zu knabbern. Auch nichts fürs Personal: In der Pause tun es Baristas und Ober der Zagreber Bevölkerung nach und kaufen in der nächsten Bäckerei ein. Die «Pekara» haben auch abends lange offen, damit niemand Hunger leiden muss.
Treffpunkt Pferdeschweif
Die Stadt wuchs aus den Ortschaften Gradec und Kaptol zusammen, die zutiefst verfeindet waren: In Gradec wohnten die Kaufleute und Handwerker, und in Kaptol residierte der Klerus. Nicht von ungefähr kommt es, dass der Dom in Kaptol steht. Heute wird Zagreb in die Ober- und die Unterstadt eingegrenzt. In die Oberstadt gelangt man in nur 55 Sekunden mit der Drahtseilbahn. Allein wegen der Aussicht lohnt sich ein Abstecher dorthin. Die museale Stille dort oben wird einzig um 12 Uhr gestört, wenn vom nahe gelegenen Lotrš?ak-Turm ein Kanonenschuss abgegeben wird.
Obwohl Zagreb mit über einer Million Einwohnern die grösste Stadt Kroatiens ist, lässt sie sich bequem zu Fuss erkunden. So kann man ohne allzu grosse Anstrengung den Weg zurück in die Unterstadt spazieren. Auf dem Weg passiert man das Steintor. Es ist das einzige noch erhaltene der ehemals vier Stadttore, die früher die Unterstadt mit der Oberstadt verbanden. Das Steintor, das von aussen aussieht wie eine gewöhnlich Passage, überrascht den Passanten im Innern mit einer Kapelle und brennenden Kerzen. Viele Gläubige kommen täglich hierher, um eine Kerze anzuzünden und zu beten.
An der Grenze zwischen Ober- und Unterstadt befindet sich der Dolac-Markt. Samstagmorgens herrscht im Bauch der Stadt, wie der Markt auch genannt wird, Hochbetrieb. Draussen türmen sich üppige Früchte und prächtiges Gemüse auf den Holztischen, beschattet von roten Sonnenschirmen. Drinnen in der kühlen Halle werden Fleisch und Fisch verkauft. Verlässt man den Markt, begleitet vom Duft der Blumenbouquets, erreicht man den Ban-Jela?i?-Platz. Wer sich in Zagreb verabredet, trifft sich hier. Im Volksmund unter dem «Ban», unter dem Pferdeschweif, genannt. Gemeint ist die Pferdestatue Ban Josip Jela?i?, die nach dem kaisertreuen Volkshelden Joseph Jela?i? von Bužim benannt wurde.
Frischluft-Kunst
Sehenswert ist auch das grüne Hufeisen. Nur wenige hundert Meter vom Ban-Jela?i?-Platz entfernt reiht sich ein Park an den anderen und ergibt einen gigantischen u-förmigen Park. Vor dem Kunstpavillon Umjetnicki Paviljon plätschert das Wasser im Springbrunnen. Zwischen den Steinen baden Vögelchen, während sich hier mittags Leute auf den Bänken sonnen. Der Himmel könnte wolkenloser nicht sein, und der gelbe Kunstpavillon leuchtet wie eine zweite Sonne. Ursprünglich wurde das Gebäude in Budapest aufgebaut, doch später Stück für Stück abgebaut und nach Zagreb transportiert. Seit 1898 werden hier Ausstellungen abgehalten, doch der Umjetnicki Paviljon ist nur eine Kulturinstitution unter den unzähligen Museen und privaten Kunstsammlungen der Stadt. Passiert man den Pavillon, steht man bald vor dem Hauptbahnhof. Wem das Wetter zu schön ist, um eines der Museen oder eine Galerie zu besuchen, macht hier am besten einen Abstecher in die Branimirova-Strasse. Dort lässt sich Kunst an der frischen Luft bestaunen: eine 450-Meter-Graffiti-Wand mit 83 Werken.
Zurück im grünen Hufeisen, erreicht man kurz nach dem Bahnhof den Botanischen Garten. Hier gedeihen rund 10000 Pflanzenarten, und im Biotop tummeln sich neben Schildkröten auch Frösche. Der Besucher kann seine Tour durch die ruhigen Parkanlagen fortsetzen, bis er die Universität erreicht, die das Ende des grünen Hufeisens markiert. Oder auch nur so lange, bis ihn der Duft von «Kava» erneut zur Einkehr in ein Café verführt.
