Wer den Franken nicht ehrt

 

Studierende sind wahre Künstler, wenn es darum geht, wenig Geld auszugeben. Das fängt bereits am Mittagstisch an: Gefüllte Wasserflaschen und Tupperware-Mittagessen sind an der Tagesordnung. Einige nennen sich Freeganer und klettern nächtens über Zäune, um sich abgelaufene Esswaren bei der Migros zu holen. Andere wohnen in Studentenheimen, in denen sie Zimmer teilen, stellen ihre Einrichtung aus Brockenstuben zusammen und klauen schon mal dem Nachbarn Waschpulver. Sie erben von Freunden ausrangierte Mobiltelefone und besitzen geschenkte Fernseher. Oder sie kaufen auf Flohmärkten Fahrräder dubioser Herkunft zu Spottpreisen. Sie schwören auf M-Budget, lieben Mengenaktionen, esssen wenig Fleisch und kochen oft Teigwaren.

 

Die meisten Studierenden tun diese Dinge nicht, weil sie kein Geld haben. Sie sind sparsam, weil sie ihr Geld lieber für drei andere Dinge ausgeben: Ferien, Kleider und Gadgets. In meinem Fall war es ein Gadget: mein erstes fabrikneues Fahrrad. Zwar schenkten mir meine Eltern in der fünften Klasse ein Velo, aber das ist natürlich nicht mehr in meinem Besitz. Im Schnitt wurde mir jedes Jahr eines gestohlen. Jedes Mal habe ich mich aufgeregt, da die Drahtesel ja allesamt weniger Wert hatten als das Schloss, das sie vor den Dieben hätte schützen sollen. Seit einer Dekade kurve ich mit himmeltraurigen Klappervelos durch Bern. Ich kann damit leben, dass mich auf meinem Klapperding die schnellen E-Bike-Fahrer überholen. Doch bei meinem letzten Rad mit drei Gängen und zwei Achten in den Rädern wurde ich es leid, dass mich selbst ältere Semester überholten.

 

An der Velobörse gab es nicht nur gebrauchte, sondern auch fabrikneue Räder für wenig Geld. Ihr könnt euch die erste Fahrt auf dem nigelnagelneuen Rad vorstellen: Es fühlte sich an wie ein E-Bike. Ohne rostige Ketten, mit zuverlässigen Gängen und Bremsen, die nicht quietschen. Einmal kräftig in die Pedale treten und schon bin ich am gewünschten Ort. Himmlisch. Dass Studierende jahrelang sparsam leben, jeden Franken umdrehen, von der lieben Mutter Fleisch und Vitamine zugeführt bekommen, ist normal. Diese Sparsamkeit hat nur gute Seiten: Studierende wirken so der Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft entgegen, indem sie ausgediente Dinge zu Ende brauchen. Plus sie schätzen es umso mehr, wenn sie sich sporadisch etwas Neues kaufen können. Ich jedenfalls vergöttere mein neues Fahrrad. >>> Zum Podcast

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