Das Kind im Klassenzimmer

«Du musst eine gute Gruppe haben, damit das Kultur-Modul easy wird.» Diesen Tipp erhielt ich aus meinem vorgängigen Studiengang. Schneller gesagt als getan, denn im Klassenzimmer kenne ich niemanden. So versuche ich mich mit der hinteren Reihe anzufreunden, stelle mich vor, tätige Smalltalk. Nichts. Die vordere Reihe ignoriert mich in ihrer Zürcher Arroganz und so lasse ich meine Berner Interessenlosigkeit spielen. Dann tritt eine ehemalige Kommilitonin ins Klassenzimmer ein und ich bin gerettet.

 

Die Angst, dass niemand mich in der Gruppe will, kennt jeder. Vom Kindergartenkind, dem Schüler bis zur Studentin. So mancher Alptraum ist begleitet davon, dass ich als Mensch nicht konform bin, niemand mich toll findet. Jeder erinnert sich an die Turnstunde, in denen zwei Teams gebildet werden: Die Alphatierchen sind schnell weg, weil die sonst mobben würden. Sportskanonen nimmt man auf, weil sie dem Team zu Sieg verhelfen. Hübsche Mädels haben den Attraktivitätsbonus. Übrig bleiben nur noch Brillenträger, physisch Angeschlagene und ich. Denkt das Kind. Natürlich war die Gruppenbildung in meinem Kulturmodul nicht so, schliesslich sind 20 Jahre vergangen. Doch diese Angst bleibt tief drin. Jeder verspürte sie einmal, auf die eine oder andere Art.

Wenn man in einer Klasse bekannte Gesichter hat, gibt es nur eine Möglichkeit: Man bildet zusammen die Gruppe. Somit machte ich mir nicht nur über Kinderängste Gedanken, sondern hörte während der Pause auch von ihnen. Meine beiden Gruppenmitglieder sind nämlich studierende Mütter. Pros: Sie sind unglaublich durchorganisiert, immer auf Achse, stets gut gelaunt, obwohl sie selten eine Nacht durchschlafen und haben eine effiziente Arbeitsweise, weil sie abends keine Zeit für Hausaufgaben haben. Kontra: Ein Mono-Pausenthema, bei dem ich nicht mitreden kann, da ich kinderlos bin. Wenn ich mich bei Milchabpumpen einmische, werde ich nicht ernst genommen. Das gleiche gilt für durchlittene Wehen, geschwollene Brüste und Brei kochen. Doch rede ich über Gruppenbildungsängste, habe ich sofort eine Gesprächsbasis.

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