Architektonische Muse

Der Dalai Lama sagt, dass man jeden Tag neue Orte besuchen und neue Wege begehen soll. So bleibe der Geist offen und wach. Ich versuche dies, indem ich mit dem Fahrrad mal hier in eine andere Strasse einbiege, mal da durchs Quartier fahre oder mich mit Freunden an immer wechselnden Orten treffe. Bei Bibliotheken bin ich weniger flexibel. Seit Studienbeginn peilte ich die Zentralbibliothek in der Berner Innenstadt an. Das Gebäude ist alt, inspirierend und zentral. Warum aber lerne ich hier, wenn es viele andere Möglichkeiten gibt? Die Uni Bern hat quer in der Stadt über 50 Bibliotheken verteilt. Da wird sich bestimmt etwas finden lassen. Ich nehme mir den Spruch vom Dalai Lama zu Herzen. Nicht nur um offen zu bleiben, sondern auch, um meine Traumbibliothek finden. Ein ewig inspirierender Ort, eine räumliche Muse sozusagen.

Als erstes teste ich die Juristen-Bibliothek beim Uni-Hauptgebäude, ein architektonisches Wunderwerk und anscheinend «the place to be». Alle, die etwas auf sich halten, gehen hierhin, um zu sehen und gesehen zu werden. Und um zu lernen. Der Lesesaal liegt zwar unterirdisch, doch die Architekten lassen mit einem Louvre-ähnlichen Bau Tageslicht zu den Arbeitsplätzen fliessen. Der Ort hat Potenzial.

Potenzial schreibe ich auch der Bibliothek der Naturwissenschafter zu. Ich malte mir den Blick ins Grüne aus, weil das Gebäude im Botanischen Garten steht. Voller Vorfreude, meinen persönlichen «Place to be» zu finden, gehe ich hin, im Gepäck ein Skript, um gleich die Qualität des Ortes zu testen. Wenige Stunden später kehre ich ernüchtert heim: Die Aussicht war eine graue Hauswand, der Stuhl unbequem, der Raum ohne jeglichen Charakter und weit und breit keine anderen Studierenden.

Mein dritter Versuch war die Nationalbibliothek, wo man, wie in der Zürcher ZB, alles, sogar die Wasserfalsche, ins Schliessfach packen muss. Dafür ist der Raum riesig und mit Blick ins Grüne, wobei im November nicht mehr so viel davon übrig ist. Vierter Versuch: Bibliothek der Geisteswissenschafter in der Länggasse. Pro: Aussicht. Contra: Platzreservierungssystem. Fünfter Versuch: Wirtschaftsbibliothek der Berner Fachhochschule. Contra: Zugang nur mit der BFH-Karte. Pro: keines.

Das Fazit meines «library hoppings»: Für eine anstrengende Prüfung ist ein ständig wechselnder Arbeitsplatz unbrauchbar. Grundbedürfnisse wie Kaffee, Toiletten, Essen müssen sofort befriedigt werden können, ohne suchen zu müssen. Für effizientes Lernen ist eine vertraute und gerade deswegen langweilige Umgebung gut. Ich stecke die Nase tiefer ins Skript, in der Hoffnung, wenigstens so den Geist öffnen zu können. >>> Zum Podcast

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