Kafka versus die Zeit

Wie die Zeit verrinnt. Kurz vor Semestermitte habe ich einen Rekord geschafft: Ich habe meine Schule bisher noch nie betreten. Ich habe noch keine einzige Vorlesung besucht. Damit bestätige ich wohl alle gängigen Vorurteile gegenüber Studierenden: Auf der faulen Haut liegen, die wenigen Vorlesungen verschlafen, bereits am Donnerstag Wochenende haben, vom Staat finanziell unterstützt werden und Steuergelder verschwenden. Natürlich gibt es einige Studierende, die diese Vorurteile bestätigen. Doch unter ihnen bin ich nicht. Dass ich meine Schule in diesem Semester noch nicht von innen gesehen habe, liegt daran, dass ich ein Semester lang pausiere.

Oft sind die Vorurteile gegenüber Studierenden nicht unberechtigt. Wenn man keine Motivation fürs Aufstehen findet, bleibt man liegen, falls man es sich leisten kann. Macht dies ein Arbeitnehmer, so ist am nächsten Tag ein Donnerwetter vom Chef vorprogrammiert. Für die Semestergebühr der Uni von knapp 700 Franken erhält man in der Migros Klubschule gerade mal einen Anfängersprachkurs. Scheint draussen die Sonne, muss der Arbeitnehmer dennoch auf acht Stunden Arbeitszeit kommen. Klar, dass ein gewisser Neid entsteht.

Meine Studiumspause ist keine freiwillige Pause, eigentlich warte ich auf das Frühlingssemester, um zwei Vorlesungen nachzuholen und dann endlich abzuschliessen. Meine Schule verlangt von mir dennoch 300 Franken Gebühr. Normalerweise bezahle ich pro Semester 700 Franken und bekomme dafür viele spannende Inputs und Vorlesungen. Ich fühle mich hintergangen.

Ich fühle mich auch gelangweilt. Die Vorlesungen haben mir neue Inputs gegeben. Ich vermisse sie, die daraus resultierenden Aufgaben indes nicht unbedingt. Neben meiner 60-Prozent-Stelle habe ich Freizeit, die ich nutzen möchte. So frage mich, ob ich als Gast an eine Vorlesung gehen soll. Wie toll wäre eine Vorlesung über Kafkas Erzählungen oder Max Frischs Romane und Erzählungen? Wie entspannend wäre es, einfach nur rein zu sitzen, ohne eine Prüfung absolvieren zu müssen? Bisher konnte ich mich noch nicht festlegen. Die Idee, eine Vorlesung als Gast zu besuchen, hatte ich zu Beginn des Semesters. Den Anschluss dürfte ich nun schon verpasst haben. Man nimmt sich immer viel vor und tut dann doch nichts. Wie die Zeit verrinnt. >>> Zum Podcast

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