Probieren über Studieren

«Studierst du?» So beginnt manch ein Smalltalk an einer Party oder einem Apéro. Meine Antwort lautet: «Ja.» Die Folgefrage des Gegenübers: «Was denn?» «Journalismus.» «In Freiburg?» «Nein, in Winterthur.» Dann folgt meistens eine Denkpause. Fast höre ich die Synapsen arbeiten. «Also, wie? An der Uni?» «Nein, Fachhochschule.» «Ah», sagt das Gegenüber und meint aber eigentlich «Ih».

Nicht nur die Betonung, sondern auch die Mimik wirkt häufig geradezu degradierend. Solche Situationen erlebte ich als Fachhochschülerin oft. Das Gegenüber ist der Akademiker, des FHs häufigster Kritiker. Noch immer werden Fachhochschulen nicht ernst genommen. Noch immer zollen Uni-Studierende einer FH-Ausbildung weniger Respekt. Noch immer ist mit Hochschule die Uni gemeint, Fachhochschulen sind bloss Fachhochschulen.

Unser Unterricht ist klar näher an der Praxis als derjenige an einer Universität. Natürlich tut man im Studium vor allem eines: Studieren, Hirn einschalten, nachdenken und den gelesenen Stoff reflektieren. So viel Zeit zum Denken wird man nie mehr bekommen. Der Unterricht an Unis ist allerdings frontal und theoretisch. Wird doch mal etwas Praktisches gemacht, stehen 200 Studierende einem Dozenten gegenüber. Genau das Machen, das Tun, das Ausprobieren und die Fehler, all das wird helfen, sich später einfacher in die Berufswelt zu integrieren. Strebt man denn an, die Hochschulwelt überhaupt irgendwann zu verlassen.

Natürlich machen praktische Übungen nicht in allen Studiengängen Sinn, doch im Journalismus schon: An der Fachhochschule verfasst man in der ersten Woche den ersten Bericht und lernt die W-Fragen zu beantworten. In Freiburg soll es Studierende geben, die auch nach einem Jahr Studium noch keinen einzigen Artikel geschrieben haben.

Vor dem Studium wohnte ich in einer WG mit fünf Studierenden, die alle wiederum studierende Freunde hatten. Ich arbeitete Vollzeit in einem Büro und sparte für einen unbestimmten Zweck. Auch damals wurde mir die Frage gestellt: «Studierst du?» «Nein», war meine Antwort. Immerhin stellt mir der Akademiker heute ein, zwei Anschlussfragen. >>> Zum Podcast

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