Direkte Demokratie am Open Air

Der Verband der Schweizer Studierendenschaften sammelt an Open Airs Unterschriften für seine Stipendieninitiative. Mitte Juli argumentierten Mitglieder bei der Warteschlange des Gurtensfestivals in Bern.

«Hast du die Stipendieninitiative schon unterschrieben?», fragt Rahel Imobersteg einen Festivalbesucher, der mit einem Rucksack auf dem Rücken in der Warteschlange vor der Gurtenbahn steht. «Ich studiere nicht mehr», bekommt sie zur Antwort. «Könntest ja dennoch unterschreiben, für die anderen. Und deine Kinder.» «Die sollen arbeiten gehen», sagt der Mann gereizt. «Das ist normal, es gehen ja über drei Viertel arbeiten. Aber es sollen alle die gleichen Chancen auf Stipendien haben, egal aus welchem Kanton sie kommen.» «Mir egal, ich habe auch nichts bekommen», sagt der Mann und dreht sich weg.

Die Aussage zu den arbeitenden Studenten wird von einer Studie des Bundesamtes für Statistik von 2005 zur sozialen Lage von Studierenden bestätigt: 77 Prozent aller immatrikulierten Studierenden arbeiten, um sich das Studium zu ermöglichen. Stipendien würden laut dem Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) helfen, sich mehr der Ausbildung zu widmen.

26 Systeme harmonisieren

Hinter der Initiative steht massgeblich der VSS. Rund zehn aktive VSS-Mitglieder sammelten während des Gurtenfestivals Unterschriften. Rahel Imobersteg ist eine davon. «Schön ist es, wenn die Leute von sich aus unterschreiben», erzählt die 29-jährige Bernerin. Die Stipendieninitiative sei jedoch erklärungsbedürftig, und in kurzer Zeit müssen die Leute vom Anliegen überzeugt sein, weil die Warteschlange vorrückt.

Rahel Imobersteg stellt weiter ihre Frage: «Hast du schon unterschrieben?» Ein junger Mann meint: «Gegen was ist die Initiative?» «Nein, wir sammeln für etwas. Wir haben 26 Kantone und 26 verschiedene Stipendienwesen. Das wollen wir harmonisieren», erklärt sie, die auch im Initiativkomitee sitzt und als VSS-Generalsekretärin arbeitet. «Ja, das macht Sinn», meint ihr Gegenüber. «Von wo kommst du?» «Bern.»

Während die Warteschlange vorrückt, läuft sie mit und drückt dem jungen Mann das Schreibbrett und einen Stift in die Hand. Kurz vor der Abschrankung, wo sie vom Sicherheitspersonal weggeschickt würde, hat sie eine Unterschrift mehr.

Das Hauptargument für die Initiative überzeugt: Alle sollen die gleiche Chance auf Bildung haben. Schweizweit sind 250 000 Studierende auf den tertiären Bildungsstufen (Hochschulen und Berufsbildung) immatrikuliert, davon beziehen 9 Prozent Stipendien. Insgesamt werden 276 Millionen Franken jährlich vergeben. Die Stipendieninitiative fordere, dass in Zukunft nicht mehr die Kantone, sondern der Bund über die Stipendienvergabe entscheiden solle, erläutert Romina Loliva. Auch sie sammelt am Festival Unterschriften und ist ein VSS-Vorstandsmitglied. Die Kantone vergeben Stipendien nach uneinheitlichen Kriterien, die Höhe variiert stark. Das bedeute, dass die Unterstützung nicht von der finanziellen Situation abhängt, sondern vom Wohnkanton der Studierenden.

Gleiche Chancen für alle

Laut einer Studie des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2005 muss jährlich mit rund 24 000 Franken für Lebenshaltungskosten gerechnet werden. Die Initiative will den Studierenden einen minimalen Lebensstandard ermöglichen. Einzelheiten, wie die Höhe der Beträge, sollen erst in der Ausführungsgesetzgebung geregelt werden. Es ist davon auszugehen, dass die Studierenden weiterhin einen Anteil selber beitragen werden.

An Festivals Unterschriften zu sammeln, bewähre sich, bestätigt Romina Loliva. Die grosse Menschenansammlung helfe, effizient zu sammeln. Weil alle Festivalbesucher durchs gleiche Nadelöhr gehen müssten, um auf den Berner Hausberg zu kommen, eigne sich das Gurtenfestival besonders gut für das Sammeln von Unterschriften. Diese Vorzüge haben auch andere Organisationen erkannt: Neben dem VSS sammeln auch die Grünen und schon seit Jahren die GSoA für ihre Anliegen.

Die Stipendien sollen zukünftig bis zum Master und auch bei der höheren Berufsbildung vergeben werden. Viele nähmen nachobligatorische Ausbildungen nicht in Angriff, weil sie es sich nicht leisten könnten, schreiben die Initianten in ihrem Argumentarium. Stipendien sollen insbesondere sozioökonomisch schwächer gestellten Personen den Zugang zu Bildung ermöglichen. Nicht nur würden so alle die gleichen Chancen erhalten, auch der Wirtschaftsstandort Schweiz profitiere langfristig. Für Mehrausgaben von einer halben Milliarde Franken bleibe das Bildungsniveau hoch, was die Wettbewerbsfähigkeit und das Bruttoinlandproduktes steigere, sind die Initianten überzeugt.

Hochgestecktes Ziel erreicht

Gegen Abend, wenn sich die meisten Festivalbesucher definitiv mehr für das bunte Treiben als für demokratische Entscheidungen interessieren, zählen die Sammlerinnen die Unterschriften. Das Ziel, zwischen 4000 und 5000 Unterschriften während des Festivals zu erarbeiten, konnten sie trotz einem Regentag erreichen. Die Frist für die Eingabe der Unterschriften läuft Anfang 2012 aus. Bis dahin steht noch das eine oder andere Festival an.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung.

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