Openair für Mittellose

Alle Jahre wieder fragt sich der Studierende, wie er ohne Geld an einem Openairs teilnehmen kann. Chance 1: Vergünstigte Early-Bird-Tickets kaufen. Aber wer denkt im Januar während der Prüfungssession daran? Chance 2: Gut Vernetzte könnten sich ein VIP-, Backstage- oder Gratispass ergattern, erschleichen, erschleimen oder erbetteln. Chance 3 ist unsicher: Wer traurigerweise keine Leute kennt, nimmt an Wettbewerben teil, egal welche Gegenleistung nötig ist. Meist gewinnen die Glückspilze, die bereits ein Ticket haben. Chance 4 ist illegal: Bändel können eingefärbt werden, Ein-Tages-Pass kaufen, Bändel fassen und daheim mit Marker einfärben. Chance 5 ist ätzend: DIY-Sandwichs, warmes Pet-Flaschen-Bier oder ungeniessbaren Wodka-Cola-Mix mitbringen. Chance 6 ist widerwärtig: Anderen die Depotbecher klauen und sich so finanzieren. Chance 7 ist umständlich: Teilen. Zwei gehen rein, einer zwängt sich aus dem Bändel und der andere bringt ihn wieder raus.

Chance 8 ist anstrengend: Arbeiten. Die once-in-a-lifetime-Erfahrung. Am besten so jung wie möglich, mit Nerven wie Drahtseilen und unendlicher Nächstenliebe. Wolltet ihr nicht schon immer mal als Kaugummi-Gratismuster-Verteiler, Sonnencreme-Einstreicherin, Crèpe-Fabrikant, Zanderknusperli-Verkäuferin, Fajita-mit-scharfer-Salsa-Bestreicher, Trash-Heroine, Kaffee-Schnaps-Verkäufer, Seelsorgerin im Notfallzelt, P-Mate-Verteilerin oder Bühnengraben-Security arbeiten? Eine schöne Art, das Festival aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Wen das nicht besonders erquickt, rennt unverzüglich nach Feierabend zur Bar. Oft haben Helfer Zutritt zur VIP-Bar, wo es superschnelle Bedienung und die Getränke elegant im Glas gibt.

Ich packte Chance Nr. 7 und verbrachte zwei Tage musikhörend, singend und tanzend. Die anderen zwei Tage sass ich im Medienbus hinter dem Bildschirm, wurde von Bässen durchgeschüttelt, schoss Fotos, schrieb einen Live-Ticker und hörte drei Songs von Jamiroquai. Der Mix mit Feiern und Arbeiten liegt mir, denn mit 28-jährigen Tanzbeinen halte ich keine vier Tage mehr durch. Einziger Wehrmutstropfen: Arbeitend Geld zu sparen ist eine Illusion. Sonntagabends hätte ich mir nicht einmal mehr ein Tramticket kaufen können, kein roter Rappen war mehr übrig geblieben. >>> Zum Podcast

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