Jung & alt

Ältere Menschen verfügen oft über viel Wohnraum an zentraler Lage und Studierende über wenig finanzielle Mittel für die Miete. Unkonventionelle Wohnformen lassen beide profitieren. 

In der Basler Alterspension «Dalbehof» wohnen 60 Seniorinnen und Senioren. Der Pension ist eine Wohngemeinschaft angeschlossen. In ihr leben fünf Studierende. Isabel Münzner ist eine ehemalige Bewohnerin. Sie schwärmt: «Die Zimmer sind unglaublich schön. Studierende könnten sich das normalerweise nicht leisten.» Ein WG-Zimmer kostet rund 270 Franken. Ein Schnäppchen. Aber das Schnäppchen hat auch einen Preis: Als Gegenleistung  müssen die WG-Bewohner in bis zu sechs Nächten pro Monat Pikettdienst für die Alterspension leisten. Die WG-Bewohner sind die ganze Nacht zu Hause telefonisch erreichbar und helfen, sollte einem Bewohner der Alterspension etwas zustossen. Zudem gibt es Bedingungen, um in der WG zu wohnen: Neben einem Studium oder einer Ausbildung gehören dazu ein Nothilfe-Kurs und idealerweise Schweizerdeutsch als Muttersprache.

Ein gebrochener Arm

Die Verantwortung ist gross, jederzeit müsse mit Zwischenfällen gerechnet werden, erzählt die 26-Jährige. Möglich sei auch, dass jemand sterbe. Das sei bei ihr glücklicherweise aber nicht vorgekommen. «Doch schon in meiner ersten Pikett-Nacht brach sich eine Person den Arm und war durch den Sturz so verwirrt, dass sie mich nicht wiedererkannte.»

Nach drei Jahren zog sie aus, weil ihr Studium in Basel beendet war. Die Erinnerungen sind aber geblieben: «Die Erfahrungen waren absolut spannend», sagt sie. Die WG sei toll gewesen und sie habe mit den Senioren viel Zeit verbracht. Doch man lebe in derart verschiedenen Welten, dass sich – jedenfalls bei ihr – keine tiefer gehenden Beziehungen entwickelten.

Dass solche Wohnsituationen mehr aus finanziellen als aus zwischenmenschlichen Gründen entstehen, denkt auch Eva Eymann. Sie arbeitet bei der Pro Senectute Emmental-Oberaargau und ist Fachbeauftragte des Kantons Bern für das Thema Wohnen und Leben in der zweiten Lebenshälfte. «Junge Menschen lassen sich auf eine solche Wohnsituation ein, weil sie wenig finanzielle Möglichkeiten haben», so bringt Eymann es auf den Punkt. Oft spiele die Wohnungslage eine Rolle: Billigere Zimmer würde man in Agglomerationen finden, doch für Studierende ist die Zentrums- und Universitätsnähe wichtig. Deshalb sind günstige Wohnungen vor allem in den Städten ein Thema.

Oder in Orten, wo andere Faktoren für Wohnungsknappheit sorgen: In Davos suchen neben Studierenden auch Touristen eine Bleibe. Am Schweizerischen Lawinenforschungsinstitut (SLF) arbeiten die drei Doktoranden Martin Proksch, Benjamin Reuter und Cesar Vera Valero. Sie wohnen beim 87-jährigen Davoser Ernst Hämmerle in einem Bauernhaus und zahlen gerade einmal 800 Franken. Als Kompensation greifen sie ihrem Vermieter unter die Arme – übernehmen Hausarbeiten, stellen das Telefon instand oder reparieren sein Fahrrad. Geht Hämmerle im Dorfladen einkaufen, lässt er die abgepackten Lebensmittel dort stehen; einer der Doktoranden wird sie später nach Hause tragen. Diese Zweckgemeinschaft hilft dem Pensionär selbstständig zu bleiben.

Eine Stunde pro Quadratmeter

Neben privaten Arrangements finden Studierende auch durch professionelle Vermittlung eine Unterkunft bei Senioren: Die Pro Senectute hat in den Kantonen Zürich und Luzern das Projekt «Wohnen gegen Hilfe» lanciert. Ziele sind der intergenerationelle Austausch, die Selbstständigkeit von älteren Menschen zu fördern und der Wohnungsknappheit entgegenzuwirken. Anstatt Miete zu bezahlen, arbeitet der Studierende monatlich eine Stunde pro Quadratmeter Wohnfläche im Haushalt mit. In einem Vermittlungsverfahren eruiert Pro Senectute die Bedürfnisse, wählt so die Bewohner gezielt aus und bringt sie mit dem Anbieter zusammen.

Seit Mai 2009 konnte dank «Wohnen gegen Hilfe» im Kanton Zürich 14 Wohnpartnerschaften in der Agglomeration vermittelt werden. Eine dieser Partnerschaften ging der BWL-Master-Student Alexander Schmid ein. Er hatte kein Geld für eine eigene Wohnung und wurde an einen älteren Herrn in Dietlikon vermittelt. «So öffneten sich Perspektiven, die ich sonst nie gesehen hätte», so schildert der 23-jährige Berner die Erfahrung. Klar gebe es Diskrepanzen, beispielsweise bei der Wohnungseinrichtung oder bezüglich des Lebensstils. Doch im Studentenleben gebe es eine bestimmte Unbeständigkeit, man nehme solche Dinge locker. Schmid zieht eine positive Bilanz. Inzwischen ist er aus dem möblierten Zimmer ausgezogen, um mit seiner Freundin zusammenzuleben.

Aus Sicht von Marlys Agbloe, der Leiterin der Vermittlungsstelle, wurden die Projektziele übertroffen: «Die Nachfrage der Studierenden war von Anfang an sehr gross.» Auch auf der Anbieterseite steige das Interesse dank intensiver Öffentlichkeitsarbeit. Zurzeit werde das Projekt evaluiert und der Stiftungsrat von Pro Senectute Kanton Zürich wird im Herbst entscheiden, ob «Wohnen gegen Hilfe» in den definitiven Betrieb gehen wird.

Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung

Hinterlasse einen Kommentar