Ohne Abschluss, mit Job

Endlich ist das lang ersehnte Französisch-Prüfung da – die allerletzte Prüfung unseres Studiums. Wir schreiben sie, lassen die Stift fallen und rennen unverzüglich aus dem Schulhaus. Auf dem Weg versenken wir Scripts im Abfall und werfen Karteikarten in die Luft. Innerlich zerplatzen wir vor Freude. Die wochenlange Anspannung ist schlagartig weg und machen hysterischem Kichern und grundlosem Dauerlächeln Platz. Wir umarmen einander, stossen an und gratulieren. Der Sommer, ja das Leben kann beginnen. Heute ist der erste Tag vom Rest unseres Lebens. Das Studium ist so gut wie vorbei, fehlt bloss die Bachelorarbeit.

Für die meisten jedenfalls ist das Studium abgeschlossen, nicht so für mich. Ich habe im 6. Semester auf ein Teilzeitpensum umgestellt, um eine Stelle als Online-Redaktorin anzutreten. Was damals nach einer super Entscheidung klang, bereue ich an diesem 15. Juni. Gerne würde ich mich auch so freuen, wie meine Kommilitonen. Gerne würde ich auch einen triftigen Grund haben, um die Nacht um die Ohren zu schlagen. Gerne würde ich auch das Diplom in Empfang nehmen und mich im CV Kommunikatorin nennen. Doch das dauert noch bis nächsten Sommer.

Nicht, dass ich es schlimm finde, weiter zu studieren. Im Gegenteil, ich hatte ein lockeres Semester, weil ich nur die Hälfte der Vorlesungen besuchte. Somit hatte ich Zeit, über die Inhalten zu reflektieren. In anderen Semestern stapelt man sich den Unterrichtsstoff einfach in den Kopf, ohne weiteres Nachdenken. Ich arbeite montags und dienstags, um dann den Rest der Woche zu studieren.

Schlimm finde ich, dass ich mit einer unbekannten Klasse abschliessen werde. Ich muss neue Kontakte knüpfen, sei es für Arbeiten, Abendessen, Kaffeepausen, Lerngruppen oder Ausgang. In nur einem Semester tiefgehende Bekanntschaften aufzubauen, ist unmöglich, vor allem im Teilzeitmodus. Daher hege ich keine Erwartungen und verlasse mich auf die lockere, unverbindliche Art der Studierenden, die oft positive Überraschungen mit sich bringt.

Während ich dies schreibe, sitzen meine Mitstudierenden an ihrer Bachelorarbeit. Es ist elf Uhr, ich werde jetzt frühstücken, um dann die News-Spätschicht zu machen. Die Würfel sind gefallen, ich blicke nach vorne und sage mir: Wenigstens bin ich nicht arbeitslos. >>> Zum Podcast

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