Virtuelle Parallelwelten

Mit den Sozialen Medien ist eine Parallelwelt entstanden, in der wir uns zuerst orientieren müssen. Das geht nicht nur Privatpersonen, sondern auch Journalisten, Studierenden und Forschenden so. Katarina Stanoevska-Slabeva forscht an der Uni Neuenburg und der Uni St. Gallen primär im Bereich der Sozialen Medien. Vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit, in der Zeit oh­ne Han­dy, In­ter­net und Smart­pho­nes, wur­den Ter­mi­ne ver­bind­lich ab­ge­macht, weil es un­ter­wegs kei­ne Mög­lich­keit gab, die Per­son zu kon­tak­tie­ren. Heu­te ist Spon­ta­nei­tät ge­fragt. In­nert Mi­nu­ten könn­te mit­tels Fa­ce­book und Kon­sor­ten ei­ne De­mons­tra­ti­on oder ein «Flashmob» or­ga­ni­siert wer­den, der bei ent­spre­chen­der Teil­neh­mer­zahl ei­ne gan­ze Stadt lahm le­gen könn­te.

In So­zia­len Netz­wer­ken (SNS) pflegt der User sei­ne Netz­wer­ke mit Freun­den, sei­en dies rea­le oder vir­tu­el­le Be­kannt­schaf­ten. Die­se Tat­sa­che liess Ka­ta­ri­na Sta­noevs­ka-​Sla­be­va und ihr For­scher­team ver­mu­ten, dass Mei­nun­gen und Emp­feh­lun­gen aus die­sem per­sön­li­chen Netz­werk vom User als re­le­vant ein­ge­stuft wer­den. Die 47-​jäh­ri­ge Pro­fes­so­rin an der Aka­de­mie für Jour­na­lis­mus und Me­di­en an der Uni­ver­si­tät Neu­en­burg und am In­sti­tut für Me­di­en und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ma­nage­ment an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len forscht haupt­säch­lich im Be­reich der So­zia­len Netz­wer­ke und der Mo­bi­len Kom­mu­ni­ka­ti­on.

In ei­ner Stu­die fo­kus­sier­ten sich sie und ihr For­scher­team spe­zi­ell auf das Emp­feh­lungs­ver­hal­ten von SNS-​An­wen­dern für Me­di­en wie Bü­cher, Fil­me, Mu­sik oder an­de­re di­gi­tal ver­füg­ba­re For­ma­te. Ge­ra­de die­se Me­di­en zu un­ter­su­chen, war aus zwei Grün­den na­he lie­gend: Sie sind ein Teil der SNS-​Pro­fi­le und kön­nen un­ter den per­sön­li­chen An­ga­ben ge­pflegt wer­den, bei­spiels­wei­se Lieb­lings­buch, Lieb­lings­mu­sik oder Lieb­lings­film. Aus­ser­dem wer­den Me­di­en in den Netz­wer­ken oft the­ma­ti­siert, emp­foh­len, kom­men­tiert und re­zen­siert.

RELEVANTER UND VERTRAUENSWÜRDIG

Sta­noevs­ka-​Sla­be­va und ihr Team konn­ten drei The­sen be­stä­ti­gen: Gibt ein di­rek­ter Kon­takt ei­ne Emp­feh­lung über ein Pro­dukt ab, wird die­se vom User als re­le­vant und ver­trau­ens­wür­dig ein­ge­stuft. Mehr Re­le­vanz und Ver­trau­en wur­de den Emp­feh­lun­gen zu­ge­schrie­ben, wenn zu­sätz­li­che In­for­ma­tio­nen zum Pro­dukt an­ge­ge­ben wur­den. Um­so wich­ti­ger wur­den die Emp­feh­lun­gen für den User, je klei­ner die so­zia­le Dis­tanz zwi­schen ihm und dem di­rek­ten Kon­takt ist.

Nicht in al­len Fäl­len plat­zie­ren die User die Emp­feh­lun­gen be­wusst, da sie mit ei­nem ein­zi­gen Maus­klick und da­durch spon­tan aus­ge­führt wer­den kön­nen. Die­se Spon­ta­nei­tät ist laut Sta­noevs­ka-​Sla­be­va schwer mess­bar und ha­be die sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung schwie­rig ge­stal­tet. Sta­noevs­ka-​Sla­be­va und ih­ren Mit­ar­bei­tern ging es dar­um, sich ex­plo­ra­tiv an ein neu­es For­schungs­feld an­zu­nä­hern.

SOZIALE MEDIEN ALS WERKZEUG

Die For­schung zu SNS hinkt den schnell­le­bi­gen Ent­wick­lun­gen des In­ter­nets sehr oft ei­nen Schritt hin­ten­drein. Wäh­rend die ers­ten Stu­di­en das Nut­zungs­ver­hal­ten in so­zia­len Netz­wer­ken un­ter­such­ten, will Sta­noevs­ka-​Sla­be­va in Zu­kunft mehr auf Fall­stu­di­en und die Hand­ha­bung so­zia­ler Me­di­en als Werk­zeu­ge ein­ge­hen. Das For­schungs­feld wird zu­dem lau­fend er­wei­tert, bei­spiels­wei­se mit mo­bi­len Ent­wick­lun­gen wie iPad und iPho­ne oder neu­en Funk­tio­nen wie Fa­ce­book Places.

Sta­noevs­ka-​Sla­be­va will Ef­fek­te und Wir­kun­gen die­ser Ent­wick­lun­gen auf die Ge­sell­schaft auf­zei­gen. Es sei doch un­glaub­lich, wie Fa­ce­book die Ge­sell­schaft in we­ni­ger als fünf Jah­ren ver­än­dert ha­be, sagt die For­sche­rin. Sta­noevs­ka-​Sla­be­va ver­si­chert: «So­zia­le Me­di­en und Netz­wer­ke sind un­se­re Rea­li­tät, und die­se Rea­li­tät dür­fen wir nicht igno­rie­ren».

«SOCIAL MEDIA JOURNALISTS»

An der Uni­ver­si­tät Neu­en­burg liegt der Schwer­punkt der Leh­re und For­schung von Sta­noevs­ka-​Sla­be­va auf der An­wen­dung von So­zia­len Me­di­en von Me­di­en­un­ter­neh­men und Jour­na­lis­ten. Im Rah­men der Vor­le­sung «New Me­dia Jour­na­lism» lehrt sie Stu­die­ren­den, wie sie mit den So­zia­len Me­di­en ef­fek­tiv ar­bei­ten kön­nen.

Die Dy­na­mik der So­zia­len Me­di­en for­dert nicht nur Aus­bil­dungs­stät­ten und klas­si­sche Me­di­en, son­dern die ge­sam­te Ge­sell­schaft her­aus. Me­di­en ver­sor­gen die Ge­sell­schaft mit News, die sich re­al und be­ob­acht­bar in der Welt ab­spie­len. Mit den So­zia­len Me­di­en ist da­ne­ben ei­ne vir­tu­el­le Par­al­lel­welt ent­stan­den, die von In­hal­ten der User lebt – dem «User Ge­ne­ra­ted Con­tent» – und oft kei­nen Ein­gang in die klas­si­schen Ka­nä­le fin­den.

Die Be­to­nung der Neu­en und So­zia­len Me­di­en im Mas­ter-​Stu­di­en­gang für Jour­na­lis­mus an der Uni­ver­si­tät Neu­en­burg wol­le nicht den be­ste­hen­den Jour­na­lis­mus er­set­zen, er­läu­tert Sta­noevs­ka-​Sla­be­va. Ein neu­es For­mat sol­le auf­ge­baut wer­den, um ta­ges­ak­tu­el­le News mit dem vir­tu­el­len Ge­sche­hen der So­zia­len Me­di­en an­zu­rei­chern. Es brau­che Jour­na­lis­ten, die sich in Twit­ter und Fa­ce­book zu­recht­fin­den und aus bür­ger­jour­na­lis­ti­schen In­hal­ten News ge­ne­rie­ren kön­nen. Oder um sel­ber die­se Ka­nä­le zu nut­zen und News zu ver­brei­ten. Im Stu­di­en­gang eig­nen sich Stu­die­ren­de sol­che Qua­li­fi­ka­tio­nen von «So­ci­al Me­dia Jour­na­lists» an, um mit den So­zia­len Me­di­en als Werk­zeug ef­fi­zi­ent zu ar­bei­ten.

DIALOGGETRAGENER JOURNALISMUS

Ei­ne Auf­ga­be der Stu­die­ren­den ist es, ei­nen Print-​Ar­ti­kel für ein On­line-​Me­di­um zu re­di­gie­ren. Al­le Ele­men­te wer­den auf die In­ter­nett­aug­lich­keit über­prüft, um dem Le­se­ver­hal­ten der On­lin­ele­ser­schaft ge­recht zu wer­den. Aus­ser­dem wer­den die Ar­ti­kel in­ter­ak­tiv mit Links, Vi­de­os und Bild­stre­cken auf­be­rei­tet. Ist der Bei­trag on­line, schrei­ben die Stu­die­ren­den ein Blog dar­über, der mit zu­sätz­li­chen De­tails, As­pek­ten und Quel­len ei­nen Mehr­wert ge­ne­riert. Die Ver­brei­tung in Twit­ter und Fa­ce­book soll stra­te­gisch ge­plant wer­den, da­mit sich die Ak­ti­vi­tä­ten nicht ge­gen­sei­tig be­hin­dern.

Die Öf­f­ent­lich­keit gilt als Be­son­der­heit in den So­ziel­an Me­di­en und im On­line-​Jour­na­lis­mus. Ein Print-Journalist generiert bei kontroversen Themen einige wenige Leserbriefe und verschwindet hinter seinem Kürzel. Bis auf wenige Kolumnisten werden Print-Journalisten selten als Person wahrgenommen. In dialoggetragenen Medien wie Blogs oder Facebook kommt der Kommentarfunktion eine hohe Bedeutung zu und der Umgang mit Kritik oder Feedback ist nicht zu unterschätzen.

MODUL FACEBOOK

Die Stu­die­ren­den wer­den für ih­ren Auf­tritt auf der vir­tu­el­len Büh­ne sen­si­bi­li­siert, in­dem sie ih­re On­line-​Iden­ti­tät als Mar­ke ver­ste­hen und ih­ren Auf­tritt pla­nen. Ob Fa­ce­book The­ma im Un­ter­richt ist, ist frag­lich, da die meis­ten Stu­die­ren­den «Di­gi­tal Na­ti­ves» sind, wie man al­le nach 1980 ge­bo­re­nen Men­schen nennt, die mit dem In­ter­net auf­ge­wach­sen sind. Da­zu Sta­noevs­ka-​Sla­be­va: «Die pri­va­te Nut­zung von Fa­ce­book ist nicht ver­gleich­bar mit der pro­fes­sio­nel­len Nut­zung. Er­folgs­druck ent­steht, wenn Ak­ti­vi­tä­ten in Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zep­ten von Re­dak­tio­nen oder Un­ter­neh­men fest­ge­schrie­ben wer­den.» Des­halb hält sie das The­ma Fa­ce­book im Un­ter­richt für not­wen­dig.

DER JOURNALIST ALS MODERATOR

In der Par­al­lel­welt von So­zia­len Me­di­en sind zu­dem vie­le Po­li­ti­ker und Po­li­ti­ke­rin­nen ak­tiv und gan­ze Ab­stim­mungs­kam­pa­gnen wer­den aus­ge­tra­gen, be­vor da­von et­was in den klas­si­schen Me­di­en zu le­sen ist. Die Auf­ga­be ei­nes «So­ci­al Me­dia Jour­na­list» ist es, sol­che The­men auf­zu­grei­fen. Da­bei ha­be der Jour­na­list we­ni­ger die Gate­kee­per-​Funk­ti­on, son­dern fun­gie­re eher als Mo­de­ra­tor, wie Sta­noevs­ka-​Sla­be­va in ei­ner ih­rer For­schungs­ar­bei­ten schreibt.

Wäh­rend Sta­noevs­ka-​Sla­be­va ih­re For­schungs­re­sul­ta­te er­läu­tert, wird in der Par­al­lel­welt lau­fend wei­ter ge­pos­tet, get­wit­tert und ge­b­loggt. Die The­men wer­den wohl lan­ge nicht aus­ge­hen – falls über­haupt.

Zur Person: Nach dem Grund­stu­di­um in Be­triebs­wirt­schaft und Fi­nan­zen, das sie in ih­rer Hei­mat Ma­ze­do­ni­en ab­sol­vier­te, ar­bei­te­te Ka­ta­ri­na Sta­noevs­ka-​Sla­be­va als Sys­tem­ana­lys­tin und Pro­gram­mie­re­rin. Sta­noevs­ka-​Sla­be­va be­grün­det ih­re For­schungs­tä­tig­keit im Be­reich So­zia­le Me­di­en und Mo­bi­le Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ih­rem In­ter­es­se für Tech­nik und Com­pu­ter. Durch ein Aus­tausch­sti­pen­di­um wech­sel­te sie in die Schweiz an die Uni­ver­si­tät St. Gal­len, wo sie pro­mo­vier­te. Heu­te ar­bei­tet die zwei­fa­che Mut­ter zu 75 Pro­zent an der Uni­ver­si­tät Neu­en­burg und 25 Pro­zent an der Uni­ver­si­tät St. Gal­len. «Ich per­sön­lich bin in so­zia­len Netz­wer­ken zwar prä­sent, aber we­gen Zeit­man­gels lei­der nicht son­der­lich ak­tiv», er­zählt sie. Sie fun­gie­re als Be­ob­ach­te­rin, ent­de­cke oft neue Trends und wer­de in­spi­riert. «Span­nend fin­de ich, wie die In­for­ma­tio­nen ent­ste­hen, sie sich ver­brei­ten und von an­de­ren auf­ge­nom­men wer­den», sagt sie. (cs)

Erschienen im Neuland Magazin.

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