Der Titel «Umwelthauptstadt Europas» zeichnet Städte mit vorbildlichem Umweltschutz und hochgesteckten Zielen aus. Dieses Jahr darf sich Hamburg damit schmücken. Nicht nur wegen ihren vielen Grünanlagen.
An sonnigen Tagen ist der Gehweg am Alster-Seeufer belebt. Kein Wunder, trifft man sich hier, selten können Stadtbewohner von einem See im Herzen einer Stadt profitieren. Ob mit Kind und Kegel oder mit Hund, ob mit Fahrrad oder zu Fuss – ganz Hamburg scheint unterwegs zu sein. Alles andere als urban wirkt die Szenerie am See. Dabei leben 1,8 Millionen Menschen in der norddeutschen Metropole. Im Hintergrund ragen unzählige Kräne und die Hamburger Skyline in den Himmel.
Ambitiöse Ziele
Heute leben vier von fünf Europäern in Städten. In urbanen Gebieten entstehen mehr als 75 Prozent der Treibhausgase. Um diese in den Griff zu kriegen, müssen Lösungen in den Städten entwickelt werden. Hamburg wurde von einer Jury aus EU-Vertretern und Umweltorganisationen in zehn Kriterien bewertet und setzte sich gegen 35 andere Bewerber als «Umwelthauptstadt Europas 2011» durch. Trotz wachsender Wirtschaft schafft es die Stadt, mehr Treibhausgase einzusparen als der europaweite Durchschnitt. Die Ziele sind ambitiös: Bis 2020 sollen die Emissionen gegenüber 1990 um 40 Prozent sinken. Die erste Etappe wurde gemeistert, bis 2010 wurden 720’000 Tonnen CO2eingespart.
Auf der Alster kurven Boote, Pedalos und Kanus. Am Ufer sitzen Sonnenanbeter mit der Sonntagspresse in der Hand und geniessen die Wärme. Auf den Wiesen krabbeln auf ausgebreiteten Wolldecken Babys, während die Eltern daneben picknicken und die grösseren Kinder auf den Bäumen herumtollen. Rund 17 Prozent des Hamburger Stadtgebiets bestehen aus Wald, Erholungsgebieten und Grünflächen, mehr als 8 Prozent der Fläche sind geschützt.
274 Tonnen Müll
Auf dem Programm der Umwelthauptstadt stehen unzählige Events, die über Umweltschutz und Nachhaltigkeit informieren. Ende März fand die Aktion «Hamburg räumt auf» statt. Dies zwar bereits zum 14.Mal, doch noch nie hätten so viele Freiwillige wie diesmal mitgemacht, schreibt die Stadt auf ihrer Homepage. Rund 53700 Hamburgerinnen und Hamburger sammelten in Parks, Schulhöfen und Grünanlagen 274 Tonnen Müll ein.
Eine andere Aktion prägt zurzeit das Strassenbild der Stadt: Knallrote Mülltonnen mit witzigen Aufklebern sollen das öffentliche Bewusstsein im Umgang mit Müll schärfen. An den Aktivitäten beteiligen sich über 700 Firmen, Organisationen bieten spezielle Touren an, mehrere Pavillons und der «Ideenzug» informieren zum Thema.
Flächenrecycling
Wer nach dem Alster-Spaziergang nicht genug hat, schlendert bis hin zum Hafen weiter, ohne gross den Stadtpark zu verlassen. Der Hafen beeindruckt: Als einer der grössten der Welt nimmt er mit seinen 74 Quadratkilometern rund 10 Prozent der Stadtfläche ein. Auch hier wird Umweltschutz grossgeschrieben: 70 Prozent aller Container werden per Bahn transportiert, und Kisten werden teils auf dem Wasser mit einem eigens entwickelten Containertaxi von Terminal zu Terminal geschippert.
Ein Projekt der Zukunft ist zudem die «HafenCity», das grösste innerstädtische Entwicklungsvorhaben in Europa, das die Stadt um 40 Prozent vergrössern wird. Der neue Stadtteil wird auf ehemaligen Hafen- und Industrieflächen entstehen – sogenanntes Flächenrecycling.
Sightseeing mit dem Velo
Auch das Sightseeing mit fahrbarem Untersatz ist umweltfreundlich. Nicht, dass es keine klassischen Stadtrundfahrten gibt, doch darauf sollte man als umweltbewusster Besucher nur notfalls zurückgreifen. Grüner und gesünder lässt sich die Hansestadt mit dem Fahrrad erkunden. Ein solches kann man bei «Stadt-Rad» ausleihen. Das durchdachte Leihsystem existiert seit Sommer 2009, Leihstationen sind praktisch überall zu finden. Zwar gibt es nicht überall Fahrradspuren, doch häufig auf den Trottoirs mit roten Pflastersteinen gekennzeichnete Fahrradwege.
Wer mehr als nur den Stadtpark und die Alster-Wiesen sehen will, wählt eine der Geocashes der Stadt aus. Geocashes sind eine Art moderne Schnitzeljagd, bei der man mit einem GPS bestimmte Standorte sucht. Diese von der Stadt konzipierten Touren sind bewusst ökologisch gehalten: Als Fortbewegungsmittel werden öffentliche Verkehrsmittel, Velos oder die eigenen Beine benutzt. Die Touren sind zwischen 11 und 55 Kilometer lang und haben Themen wie «Entlang der Elbe» oder «Naturschutzgebiete im Osten». Wer lieber in der Innenstadt bleibt, wählt die «Grünen Seiten der Stadt» aus und entdeckt weitere grüne Oasen.
Erschienen in der Berner Zeitung.
