Wenn ich morgens am Institut ankomme, verkable ich mich mit der grossen, weiten, virtuellen Welt. Danach konsultiere ich die Newspages. Steht die Welt in ihrer bekannten Form noch? Nicht nur «Hard News» interessieren, auch Social News: So logge ich mich als nächstes in Facebook ein. Fast alle im Studiengang sind auf Facebook und miteinander vernetzt.
Facebook befriedigt meine voyeuristische Ader: Ich weiss genau, wer von meinen virtuellen Freunden mit wem gefeiert hat, wer wo reist und wer gerade solo ist. Ändert man den Beziehungsstatus nach jahrelanger Beziehung auf den Status «Single» oder «Es ist kompliziert», bekunden viele Mitgefühl oder fragen nach einem freien Termin in der Agenda. Facebook ist nicht nur Networking, sondern auch Gehirnjogging. Ich könnte nur wenige Mitstudierende mit vollem Namen ansprechen oder mir ihren Geburtstag merken.
Facebook bringt viel Nonsens mit sich. Momentan geistert ein virtuelles Phantom durch unseren Studiengang. Niemand weiss, wer dieser Mann ist. Er versendet Freundschaftsanfragen und gibt nur wenig von sich Preis. Er hat nur Freunde aus unseren Jahrgang, an die 20 Leute sind es jetzt. Gerüchte, dass es sich um ein soziales Experiment handelt, halten sich hartnäckig.
Manchmal fällt ein sinnvollerer Post auf: «Wenn 100 Menschen den Like-Button drücken, mache ich einen Rauchstopp», schreibt eine Kommilitonin. Schnell drücken 50 Menschen den Knopf. Mehr werden es nicht, weil sich unsere Aufmerksamkeit verzettelt hat. Unsere Kommilitonin raucht noch immer.
Auch während den Vorlesungen bleiben wir online und schaffen es nicht, die Finger von Facebook zu lassen. Wir starren auf die Bildschirme, klicken herum und kriegen wenig vom Unterricht mit. Sind Dozierende langweilig, langsam, narzisstisch oder fallen irgendwie auf, wird dies kommentiert, worauf unzählige Meinungen folgen. Das nennt sich Cyberbashing, elektronisches Lästern, ein neues Phänomen, mit dem die Schulen noch umzugehen lernen müssen. Sollten Facebook, Twitter und Konsorten im Unterricht verboten werden? Die Universität Wien hat in gewissen Seminaren ein Verbot eingeführt. Oder könnten die Hochschulen mit den Post die Qualität des Unterrichts verbessern? Wir sind weiterhin froh, lesen unsere Dozenten auf Facebook unsere Kommentar nicht – oder doch?
