Kubanisches Intranet

Drei Wochen lang frönte ich auf Kuba der seelischen Entspannung. Aus vielen Gründen – Meer, Menschen und Musik – liesse es sich auf der Karibikinsel leben. Der «Castroismus», wie die Politik der Gebrüder Castro genannt wird, liess mich allerdings gerne in die Schweiz zurückkehren. Vereinzelt gibt es zwar Nike-Schuhe, Mobiltelefone und Coca Cola, doch das Strassenbild zeugt von sozialistischer Planwirtschaft. Werbung und Graffiti sind rar, ihren Platz füllen Parteipropaganda mit Bildern der Castro-Brüder und an Hausmauern gemalte Treueschwüre an den omnipräsenten Volkshelden Che Guevara. Am Marktstand wird selten mehr als Tomaten, Kohl, Papaya und Bananen verkauft. Die Kubaner leiden unter unstetiger Strom- und Wasserversorgung und kollabierendem öffentlichen Verkehr. Vieles läuft schief im Staate Kuba, einzig in den Bereichen Bildung und Gesundheit steht er Industrieländern in nichts nach.

Durch meinen Schwerpunkt im Journalismus interessiere ich mich besonders für das kubanische Mediensystem. Nur drei landesweite, zensurierte Tageszeitungen «informieren» die kubanische Bevölkerung – und auch der Kommandant Fidel Castro trägt mit einer wöchentlichen, zweiseitigen Kolumne seinen Teil dazu bei. Als Vergleich können wir in der Schweiz aus fast 100 Tageszeitungen auswählen.

Neben wenigen weiteren Medienprodukten existiert auch Internet, mit der weltweit strengsten Zensur. Wer es sich leisten kann, für umgerechnet sechs Franken pro Stunde zu surfen, tut dies bei der staatlichen Telekom. Den Zugang ermöglichen oft ausverkaufte Prepaid-Karten. In der Hauptstadt Havanna gibt es nur wenige Computer, dementsprechend lang sind die Wartezeiten. Endlich an der Reihe, tippt man euphorisch eine URL ein und sofort holt einem die langsame Verbindung wieder auf den Boden der Realität zurück.

Diese Hürden und die strenge Zensur rufen mir ins Bewusstsein, wie Internet unser Studium erheblich vereinfacht. Bücher sind immer seltener physisch vorhanden sind, immer mehr verlässt man sich auf webbasierten Unterricht und Zeugnisse wie auch Stundenpläne werden seit Jahren nicht mehr gedruckt. Für viele Menschen bedeutet Internet Freiheit, doch in Kuba ist es lediglich ein langsames, regimekonformes Intranet. >>> Zum Podcast

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