Gemeinsam einsam

Studierende während den Prüfungsvorbereitungen lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Die «Stubenlerner» und die «Bibliotheksgänger». Ich gehöre zu den zweiten. Zu Hause werde ich von anderen Büchern, dem Kühlschrank, dem Fernseher oder dem Telefon abgelenkt. Deshalb verbunkere ich mich in der Bibliothek, wo man nichts darf: Weder essen, noch sprechen, noch den Laptop benutzen, noch laut husten, nur atmen und lernen.

Vor den Prüfungen ist ein freier Sitzplatz in der Bibliothek ein Privileg. Nicht nur wegen den raren Plätzen, sondern auch weil die Lokalität der Burgergemeinde Bern spektakulär ist. Marmorsäulen stützen die Galerie und die Decke ist mit alten Malereien und Stuckaturen verziert. Während im unteren Stock Studierende reihenweise an Tischen über ihren Bücher brüten, schauen ältere Männer aus goldumrahmten Gemälden auf uns herab.

Abgeschottet sitzen wir in diesem Mikrokosmos und doch ist jeder in einer eigenen Welt. Vor mir sitzt ein Jus-Student, der ein Gesetzbuch mit farbigen Zettelchen verunstaltet hat, seine streng strukturierte Prüfungshilfe. Neben ihm sitzt eine hypermodische Psychologiestudentin, die oft Besuch von anderen kriegt, mit denen sie jeweils zehn Minuten tuschelt, um das Gespräch draussen bei einer Zigarette zu verlängern.

Von morgens um acht oder auch erst um elf Uhr, je nachdem wie der Abend zuvor verlief, büffeln wir gemeinsam und doch alleine mit einem Ziel: Unsere Prüfungen zu bestehen. Draussen hört man ab und an eine Kirchenglocke, die an den schon weit vorgeschrittenen Tag und den straffen LerNplan erinnert. Nebenbei hören wir durch die Gassen hallende Stimmen von vorbeischlendernden Menschen oder das Plätschern des Brunnens vor dem Fenster, das wir sporadisch öffnen, um nicht an Sauerstoffmangel zu sterben. In nullkommanichts ist es Abend. Am späteren Nachmittag räumen erste ihren Platz. Ich bleibe noch.

Dann verändert sich das Publikum: Ältere Herren, die unsere Dozenten sein könnten, treten ein und ziehen zielstrebig ein Buch aus dem Regal, setzen sich und lesen. Während die Dämmerung die Bibliothek in schummriges Licht taucht, wird mir bewusst, was dies für ein wunderbarer Ort zum Denken und Lernen ist. >>> Zum Podcast

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